Pharmainformation

info23-1.jpg

 

Inhalt

 

Behandlung der Adipositas

Die Registrierung eines neuen Mittels für diese Indikation (Rimonabant: Acomplia) gibt Gelegenheit, ein knappes Update über dieses Thema (siehe auch 1-3) zu geben, das wir mehrmals (Pharmainfo XII/1/1997XIV/1/1999XVII/1/2002XVIII/2/2003) behandelt haben. Die ersten Mittel waren Amphetaminderivate (wie Phentermin und Amfepramon), die wegen ihres Suchtpotentials, allerdings sehr spät, vom Markt genommen wurden. Die Fenfluramine hatten dann zwar diesen Nachteil nicht, führten aber wohl durch eine Verstärkung der Serotoninübertragung zu Herzklappenveränderungen und wurden deshalb vom Markt genommen. Wegen dieser Nebenwirkungen (offensichtlich ebenfalls über den Serotoninmechanismus) wurde kürzlich auch das Mutterkornalkaloidderivat Pergolid (Permax), das für Parkinsonbehandlung zugelassen war, zurückgezogen.

Mit Orlistat (Xenical) kam dann eine Substanz in die Therapie, die über eine Hemmung der Lipidspaltung im Darm und als Folge über eine Reduktion der Lipidabsorption wirkt. Als Nebenwirkung zeigt sie den unangenehmen Effekt des "anal leakage", insbesondere wenn man eine fettreiche Nahrung zu sich nahm (ca. 7%: siehe 1). Diese Nebenwirkung, die manche zum Abbruch der Therapie bringt, kann auch als Selbstkontrolle dienen, ob man seine Nahrung mit zu viel Fett belastet hat - also ein gewisser feedback. Schwerwiegende Nebenwirkungen, und dies kann man jetzt beurteilen, sind nicht aufgetreten. Fettlösliche Vitamine sollten sicherheitshalber wegen möglicherweise verminderter Resorption zusätzlich eingenommen werden.

Eine Metaanalyse (siehe 1, 1a) von 11 Studien zeigt, dass nach 1 Jahr eine 5%ige Gewichtsreduktion bei 21% der Patienten/innen über Placebo hinausgehend erreicht wird, eine 10%ige bei 12%. Der Blutdruck sinkt im Mittelwert 1-2mm systolisch und diastolisch und LDL Cholesterin um 0,27 mmol/L (<10%). In einer 4jährigen Studie (allerdings mit hoher Ausfallsrate von 43%) reduzierte Orlistat das Auftreten von Diabetes von 9,0 auf 6,2% (4, siehe auch 5). Diese Studien zeigen zum ersten Mal für ein Mittel gegen Adipositas günstige Effekte, die über eine Gewichtssenkung hinausgehen. Allerdings fehlen noch immer Langzeitstudien über die Beeinflussung z.B. cardiovaskulärer Komplikationen bzw. auch der Mortalität.

Sibutramin (Reductil) führt über einen zentralen Mechanismus zur Appetithemmung. Nach einem Jahr (3 Studien) kam es zu einer 5%igen Gewichtsreduzierung bei 34% der Patienten/innen über Placebo hinaus, und eine 10%ige bei 15% (siehe 1). Stoffwechselmäßig (Lipide und Zucker) zeigte Sibutramin keinen konsistenten Effekt (siehe 1). Als Nebenwirkungen treten Schlaflosigkeit, Nausea und trockener Mund auf, und es kann zu geringfügiger Blutdruck- und Herzfrequenzsteigerung führen. Diese Effekte haben zu einer Diskussion über cardiovaskuläre Risiken dieser Substanz geführt, die europäische Arzneimittelbehörde hat aber ein positives Risiko/Nutzenverhältnis bestätigt (siehe Pharmainfo XVIII/2/2003). Auf jeden Fall sollten cardiovaskuläre Risikopatienten/innen z.B. mit Coronarerkrankungen, Hochdruck und Tachykardie diese Substanz nicht erhalten. Eine Studie aus Schweden zeigt, dass diese Kontraindikationen in der Praxis bei 28% der Verschreibungen nicht berücksichtigt werden (6). Eine endgültige Bewertung wird erst durch eine laufende Studie (bis 2008), die die cardiovaskuläre Morbidität und Mortalität unter Sibutramin bestimmt, möglich werden (siehe 1).

 

Rimonabant (Acomplia): neu registriert

Diese Substanz wirkt über eine Blockade des Cannabisrezeptors CB1 (siehe 1,7). Es war bekannt, dass Marihuana Rauchen zu einer Verstärkung des Appetits führt, dementsprechend kann ein Rezeptorblocker appetithemmend wirken. Rimonabant hat eine zentrale europäische Zulassung erhalten. Eine Testung erfolgte in 4 Studien mit über 6.000 Patienten/innen (8-11). Nach einem Jahr erzielten 29-39% der Patienten/innen eine 5%ige und 17-25% eine 10%ige über Placebo hinausgehende Gewichtsreduktion. Diese Wirkung erscheint vergleichbar mit der des Sibutramin und etwas stärker als bei Orlistat. Allerdings sind auch in diesen Studien zu Rimonabant die Ausfallsraten der Patienten/innen bis zu 50% nach einem Jahr. Es fehlen auch direkte Substanzvergleiche. Der Blutdruck blieb unbeeinflusst. Stoffwechselmäßig zeigten sich zwar keine Veränderungen des LDL-Cholesterins, aber HDL stieg um 7-9% an und Triglyceride wurden um 12-16% gesenkt (siehe 1). Das Auftreten von metabolischem Syndrom und der HbA1c Wert wurden reduziert.

Diese Beeinflussung cardiovaskulärer Risikofaktoren ist positiv zu sehen, es fehlen allerdings auch hier noch die Resultate bereits laufender Studien über cardiovaskuläre Morbidität und Mortalität.

Als Nebenwirkungen sind vor allem Nausea, Schwindel, Diarrhoe und Schlaflosigkeit beschrieben. Bei 6-7% der Patienten/innen kam es zur Depression und anderen psychischen Störungen, laut einer Metaanalyse (11a) beendeten wegen Depression im Vergleich zu Placebo 2,5mal mehr Patienten/innen die Behandlung. Nebenwirkungen dieser Art, die in kontrollierten Studien eher zu beherrschen sind, können aber bei offener Verwendung dieses Mittels ein Problem darstellen. Aufgrund dieser psychischen Nebenwirkungen (einschließlich von Suizidversuchen) hat die amerikanische Behörde FDA die Marktzulassung verweigert (12) und die europäische Behörde (Press Release 19. Juli 2007) davor gewarnt, für Patienten/innen mit Depression bzw. unter Antidepressiva-Behandlung diese Mittel zu verwenden. Es ist abzuwarten, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Derzeit kann für diese Substanz nur bei Patienten/innen ohne jeden Hinweis auf depressive Störungen eine Indikation gesehen werden.

Zusammenfassung: Die wichtigsten Maßnahmen bei Adipositas sind Lebensstiländerung einschließlich Diät.

Wann ist eine zusätzliche pharmakologische Unterstützung zu vertreten? Hohes Übergewicht ist ein eindeutiger Risikofaktor für viele Folgeerkrankungen und bedarf daher einer Korrektur. Lebensstiländerungen sind offensichtlich nicht bei allen erfolgreich, sodass ein Bedarf für zusätzliche Hilfe besteht.

Für alle besprochenen Substanzen wurde in Studien über ein und mehr Jahre eine Gewichtsreduktion erzielt. Allerdings waren in diesen Studien hohe Ausfallsraten von Patienten/innen (bis 50%) zu beobachten. Bei Absetzen dieser Mittel wurde sehr rasch wieder das Ausgangsgewicht erreicht. Weiters ist bei keinem dieser Mittel derzeit eine positive Wirkung auf cardiovaskuläre Morbidität und Mortalität belegt. Daher ist eine Indikation restriktiv zu stellen und nur bei hohem Übergewicht (BMI >30 kg/m2) und zusätzlichen Risikofaktoren zu vertreten. Ein entscheidender Grundsatz muss zusätzlich sein: Wenn die Medikamente nach 2 - 3 Monaten nicht zumindest einen Gewichtsabfall von 5% oder besser 10% bringen, ist diese Therapie wegen mangelnder Wirkung abzubrechen. Aufgrund der Studiendaten dürfte dies für ca. drei Viertel aller Behandelten gelten. Allerdings zeigt eine Studie aus Schweden, dass in der Praxis auch bei mangelndem Erfolg Orlistat und Sibutramin weiter verschrieben werden (6).

Orlistat (Xenical) ist derzeit das Mittel erster Wahl aufgrund seines jetzt genau bekannten Nebenwirkungspotentials und seiner Daten zur positiven Beeinflussung von Stoffwechselparametern.

Rimonabant (Acomplia) zeigt so wie Orlistat einige positive Stoffwechseldaten, ist aber bezüglich des Nebenwirkungspotentials (siehe z.B. Depression) noch zu wenig erprobt und daher ein Reservepräparat. Es ist nur für Patienten/innen ohne Hinweis auf depressive Störungen derzeit vertretbar.

Sibutramin (Reductil) ist derzeit nur bei Kreislaufgesunden zu vertreten, was bei vorliegender Adipositas sehr einschränkend sein dürfte. Für diese Substanz liegen keine überzeugenden Daten für eine günstige Beeinflussung des Stoffwechsels vor, der Blutdruck kann sogar etwas erhöht werden. Diese Substanz ist daher nur als Reservepräparat zu betrachten, so lange, bis möglicherweise Langzeitstudien eine neue Bewertung bedingen.

Literatur:
(1) Lancet 369,71,2007
(1a) BMJ 335,1194,2007
(2) Drug Ther Bull 45,41,2007
(3) Gastroenterology 132,2239,2007
(4) Diabetes Care 27,155,2004
(5) Diabetes Care 30,27,2007
(6) Eur J Clin Pharm 63,2015,2007
(7) Drugs 66,2109,2006
(8) Lancet 365,1389,2005
(9) JAMA 295,761,2006
(10) NEJM 253,2121,2005
(11) Lancet 368,1160,2006
(11a) Lancet 370,1706,2007
(12) DAZ 147,38,2007

 

Update Allergische Rhinokonjunktivitis

Wir haben dieses Thema vor einigen Jahren ausführlich besprochen (Pharmainfo XVII/3/2002) und geben jetzt eine kurze Übersicht mit neuen Daten.

Hinsichtlich der oralen Antihistaminika zeigen die Substanzen der zweiten Generation Loratadin (Allernon, Clarityn, Lictyn, Lorano, Loratadin Generika), Desloratadin (Aerius), Cetirizin (CetirHexal, Cetiristad, Cetirizin Generika, Ratio Allerg, Tirizin, Zyrtec), Levocetirizin (Xyzall) und Fexofenadin (Telfast) in ihrer Wirksamkeit keine signifikanten Unterschiede (1). Wir haben bereits festgestellt (Pharmainfo XVIII/2/2003 und XXII/1/2007), dass Levocetirizin, das in jeder Tablette Cetirizin zu 50% enthalten ist, keine relevanten Vorteile gegenüber Cetirizin besitzt. Cetirizin und Levocetirizin wirken stärker sedierend als die anderen Antihistaminika der zweiten Generation (2,3).

Ein weiteres Mittel ist jetzt mit Ebastin (Ebastel, Kestine) in Österreich erhältlich. Seine Wirkung ist vergleichbar mit den bisher zugelassenen Antihistaminika, nur für den Vergleich mit einer höheren Dosis von Ebastin (20 mg) mit normalen Dosen anderer Mittel konnte eine stärkere Wirkung von Ebastin postuliert werden (4).

Neben der oralen Gabe von Antihistaminika kann auch die intranasale Anwendung erwogen werden. Für Azelastin (Allergodil) wurde gezeigt (5,6), dass bei unzureichendem Ansprechen auf orale Präparate die intranasale Anwendung wirksam sein kann. Antihistaminika zur topischen Anwendung am Auge (Azelastin: Allergodil, Emedastin: Emadine, Epinastin: Relestat, und Ketotifen: Zaditen, Levocabastin: Livostin) sind bei Vorherrschen der Konjunktivitiskomponente indiziert und eignen sich besonders für die bedarfsweise Anwendung (3).

Topische Corticosteroide zur intranasalen Anwendung (Budesonid: Rhinocort aqua; Fluticason: Flixonase aquosum; Mometason: Nasonex aquosum; Triamcinolon:Nasacort) sind  die wirksamsten  Medikamente gegen die allergische Rhinitis. Die Wirkung gegen Konjunktivitisbeschwerden ist jedoch weniger ausgeprägt als jene von oralen Antihistaminika, sodass bei ausgeprägten Rhinitis- und Konjunktivitisbeschwerden eine Kombination von oralen Antihistaminika und intranasalen Corticosteroiden sinnvoll ist (3).

Cromone zur lokalen Anwendung an Nase (Cromoglicinsäure: Acromax, Allergo-Comod, CromoglinLomusolVividrin; Nedocromil: Tilarin) und Auge (Cromoglicinsäure: Allergo-Comed, CromoglinLomusolVividrin; Nedocromil: Tilavist) zeigen nur eine schwache und inkonsistente Wirkung (7).  

Der Leukotrien-Rezeptor-Antagonist Montelukast (SingulairPharmainfo XV/3/2000) erhielt im Jahr 2006 in Österreich eine erweiterte Zulassung für die allergische Rhinitis, wenn sie gemeinsam mit Asthma bronchiale auftritt. Montelukast ist als Monotherapie bei allergischer Rhinokonjunktivitis zwar wirksam (8), die Wirkung ist aber relativ schwach (7) und geringer als jene der intranasalen Corticosteroide (9,10). Eine Kombination von Montelukast mit oralen Antihistaminika ist vergleichbar mit intranasalen Corticosteroiden (11). 

Literatur:
(1) Drugs 66,2309,2006
(2) Drug Safety 29,897,2006
(3) Allergologie 28,45,2005
(4) Int Arch Allergy Immunol 133,371,2004
(5) Ann Allergy Asthma Immunol 91,205,2003
(6) Ann Allergy Asthma Immunol 93,154,2004
(7) New Engl J Med 353,1934,2005
(8) Clin Exp Allergy 32,1020,2002
(9) Am J Med 116,338,2004
(10) Med Letter 47,87,2005
(11) Clin Exp Allergy 31,61,2001

 

Citalopram versus Escitalopram

In der Pharmainfo XXII/1/2007 hatten wir zu diesen Substanzen das British Drug and Therapeutic Bulletin (1) mit der Aussage zitiert, dass keine überzeugenden Beweise für einen Unterschied in Wirksamkeit bei der Therapie der Depression und Wirkungssicherheit bei diesen Substanzen zu finden sind. Dr. H. Postler (Lermoos) hat nun in Bezug auf eine Arbeit (Wirksamkeit von Escitalopram vs Citalopram: 1a), in der Escitalopram (Cipralex, Entact) als die wirksamere Substanz gesehen wird, angefragt, wer nun recht hat.

Es sei daher nicht eine andere Übersicht zitiert, sondern die Datenlage etwas intensiver analysiert. Wer Citalopram (Citalonorm, Cital-Hexal, Citalopram Generika, Citalostad, Citarcana, Eostar, Pram, Seropram) einnimmt schluckt sowohl das R-Enantiomer als auch das S-Enantiomer (nichts anderes als Escitalopram). Wenn das S-Enantiomer die wirksame Substanz ist, ist mit Recht anzunehmen, dass 20 - 40 mg Citalopram 10 - 20 mg Escitalopram in der Wirkung völlig entspricht. In Arbeiten aus dem Labor der Firma wird aber über eine hemmende Wirkung des R-Enantiomer am Rezeptor berichtet (2) und dies könnte eine Abschwächung der Wirkung des S-Enantiomer bei der Einnahme von Citalopram bedingen. Eine signifikante Hemmung gegenüber dem S-Enantiomer tritt aber erst bei 2 - 4fach höheren Dosen des R-Enantiomer auf. Bei der Einnahme von Citalopram dürfte diese Hemmung beim Menschen, obwohl pharmakokinetisch bedingt, der R-Enantiomer Spiegel etwas höher ist (um ca. 50%: 3-5), nicht erreicht werden.

Pharmakologisch ergibt sich also keine überzeugende Basis, warum Escitalopram besser als Citalopram wirken sollte. Aber was ergeben die klinischen Studien? Erste Studien eines Vergleichs von Citalopram versus Escitalopram ergaben keinen signifikanten Vorteil für Escitalopram, laut Metaanalysen der ersten Studien soll dies allerdings bezüglich Wirksamkeit und schnellerer Wirkung der Fall sein (6,6a). Aber betrachten wir zwei neuere Studien. In der ersten firmenfinanzierten Studie (7) wurde für den MADRS score (Montgomery-Asperg Depression Rating Scale Selfassessment) nach 1 bis 2 Wochen kein Unterschied, nach 8 Wochen ein signifikanter Vorteil (P = 0,05) von Escitalopram gesehen. Für CGI-S (Clinical Global Impression of Severity Scale) wurde allerdings kein signifikanter Unterschied gefunden. Dieser letzte negative Befund wird aber in der Zusammenfassung nicht erwähnt und nur davon geschrieben, dass "Escitalopram has a superior effect to citalopram". In einer zweiten Studie zusammen mit einem Autor der Firma (8) wurde für den MADRS score kein Unterschied gefunden, für CGI-S nur nach 24 Wochen (nicht nach 8 Wochen) ein bei 0,05 signifikanter Unterschied gesehen. Auch für einen schnelleren Wirkungseintritt von Escitalopram konnte in keiner der beiden Studien ein Beweis erbracht werden. Diese Studien mit ihren inkonsistenten und sich sogar widersprechenden Resultaten belegen sicherlich nicht einen klinisch relevanten Unterschied zwischen Escitalopram und Citalopram, es ist aber positiv anzumerken, dass sie von der Firma trotzdem für die Publikation freigegeben wurden. Abschließend können wir feststellen, dass der Aussage des British Drug and Therapeutic Bulletin zuzustimmen ist, dass es keine überzeugenden Beweise für einen Vorteil von Escitalopram versus Citalopram gibt.

Literatur:
(1) Brit Drug Therap Bull 44,73,2006
(1a) R&D Psychiatrie 7,6,2005
(2) Pharm Biochem Beh 77,391,2004
(3) Chirality 9,686,1997
(4) Ther Drug Mon 22,219,2000
(5) Psychopharm Bull 33,109,1997
(6) Int J Psych Clin Pract 7,259,2003
(6a) Int Clin Psychopharm 19,149,2004
(7) Int Clin Psychopharm 20,131,2005
(8) Current Med Res Opin 21,1659,2005

 

Orale Cephalosporine

Orale applizierbare Cephalosporine gehören zu den am häufigsten verschriebenen Antibiotika im niedergelassenen Bereich. Basierend auf deren pharmakokinetischen Charakteristika, deren anti-mikrobieller Wirksamkeit, der Verträglichkeit und deren klinischer Wirksamkeit ergeben sich für die verschiedenen Gruppen oraler Cephalosporine spezifische Indikationsgebiete.

Orale Cephalosporine können nach ihrer chemischen Struktur in Glycyl-Cephalosporine, Aminothiazolcephalosporine, Oximcephalosporine oder Prodrug-Cephalosporine eingeteilt werden (1-5). Für die klinische Praxis hilfreicher ist jedoch die Einteilung nach ihrem Wirkspektrum. Ähnlich den intravenös verabreichbaren Cephalosporinen erfolgt hierbei eine Kategorisierung der oralen Cephalosporine in drei Gruppen, wobei das antibakterielle Wirkspektrum in vitro zwischen oralen und intravenösen Cephalosporinen innerhalb einer Gruppe nicht völlig ident ist.

Orale Cephalosporine der Gruppe 1 (Cefalexin [Cephalobene, Keflex, Ospexin, Sanaxin], Cefadroxil [Biodroxil, Cefadroxil, Duracef] und Cefaclor [Cefaclor, Cefastad, CEC-Hexal ]) haben eine gute in vitro Wirksamkeit vor allem gegen grampositive Erreger, wie Staphylokokken und Streptokokken und eine geringe Wirksamkeit gegen gramnegative Erreger (1-5).

Orale Cephalosporine der 2. Gruppe (Cefuroxim-anxetil [Cefurobac, Zinnat, Cefuroxim-Generica]) zu denen auch  das orale Carbacephem Loracarbef (Lorafem)  gezählt wird, erfassen in vitro neben diesen gram-positiven Erregern auch einige gramnegative Spezies, wie Haemophilus, E. coli, Klebsiella oder Proteus spp.

Orale Cephalosporine der Gruppe 3 (Cefpodoxim-proxetil [Biocef, Celiol, Cintalux, Otreon, Cefopodoxim-Generica],   Cefetametpivoxil, Ceftibuten [Caedax],  Cefixim [Aerocef, Cysticef, Foracef, Pentracef, Thiacef, Tricef, Xefotil] ) haben eine reduzierte Aktivität gegen grampositive Erreger (v.a. Staphylokokken; Ausnahme: Cefpodoxim-proxetil), wohingegen das Wirkspektrum im gramnegativen Bereich durch Miterfassung von Proteus und einigen anderen Enterobacteriaceae (nicht Pseudomonas, Acinetobacter, aber von N. gonorrhoeae) über jenes der Cephalosporine der Gruppe 2 hinausgeht (1-5). 

Allen Cephalosporinen gemeinsam ist eine intrinsische Unwirksamkeit gegen Enterokokken sowie gegen sogenannte atypische Erreger (Mykoplasmen, Chlamydien, Legionellen).

Generell weisen Cephalosporine eine kurze Halbwertszeit (je nach Substanz von 0,7 bis maximal 3,5 Stunden auf), sodaß mehrmalige tägliche Gaben (2-3 x) notwendig sind, um möglichst über 24 Stunden ausreichend hohe therapeutische Wirkspiegel zu erreichen. Orale Cephalosporine werden in unterschiedlichem Ausmaß hepatisch metabolisiert und dementsprechend variabel in unveränderter Form über die Nieren ausgeschieden (29-90%). Deshalb ist bei den meisten oralen Cephalosporinen eine Dosisadaptierung bei Niereninsuffizienz notwendig. Große Unterschiede zeigen sich in der oralen Bioverfügbarkeit, was  von großer Bedeutung hinsichtlich Wirksamkeit und Wirkungsort ist. Während Cephalosporine der Gruppe 1 und Loracarbef weitgehend resorbiert werden (orale Bioverfügbarkeit (90-95%)) liegen die Resorptionsraten für Cefuroxim und Cephalosporine der Gruppe 3 (mit Ausnahme von Ceftibuten) unter 50%. Zwar kann die Resorption durch gleichzeitige Nahrungsaufnahme etwas verbessert werden, jedoch ist zu bedenken, dass die Hälfte der eingenommenen Dosis im Darm verbleibt, was die effektiven Wirkspiegel im Serum im Vergleich zu Cephalosporinen der Gruppe 1 reduziert und weiters auch zu einer stärkeren Erregerselektion im Darm beitragen kann (6).  Auch aufgrund dieser Tatsachen wurden in den vergangenen Jahren die Dosisempfehlungen für Cephalosporine der Gruppe 2 und 3 schrittweise angehoben.

Im Wesentlichen besitzen orale Cephalosporine eine gute Verträglichkeit und werden vor allem aufgrund von limitierenden pädiatrischen Nebenwirkungen anderer Antibiotika häufig in der Kinderheilkunde eingesetzt. In ca. 1-20 % treten gastrointestinale Nebenwirkungen und gelegentlich Exanthem auf. Cefaclor und Cephalosporine der Gruppe 3  können mitunter zu zentralnervösen Nebenwirkungen (Hyperaktivität, Schlaflosigkeit) und gelegentlich zu Serumkrankheits-ähnlichen Symptomen führen (1-7). Die Häufigkeit von Hypersensitivitätsreaktionen wird mit deutlich unter 1% angegeben (8). IgE vermittelte Hypersensitivitätsreaktionen kommen in einer Häufigkeit von unter 1 pro 100.000 Behandlungen vor (9) Die Häufigkeit einer Kreuzallergie bei bekannter Unverträglichkeit gegen Penicilline wird mit unter 5% beziffert (7,8,10).

Cephalosporine der Gruppe 1 haben ihr Hauptindikationsgebiet in der empirischen Behandlung von Infektionen mit vermuteten grampositiven Erregern, wie Tonsillitis oder Hautinfektionen.

Wichtig ist zu bemerken, dass Oralcephalosporine der Cefalexingruppe schwächer wirksam sind als parenterale Cephalosporine der Gruppe 1 (Cefazolin), sodaß bei schweren Infektionen immer eine initiale intravenöse Therapie vorzuziehen ist.

Cephalosporine der Gruppe 2 dienen vor allem der Behandlung von unkomplizierten Harnwegsinfektionen oder Infektionen der oberen und unteren Atemwege. Sie sind aber auch bei Haut und Weichteilinfektionen wirksam. Cefuroxim-anxetil kann darüber hinaus zur Behandlung des Erythem migrans (Stadium I der Borreliose) eingesetzt werden. Orale Cephalosporine der Gruppe 3 haben ihr Hauptindikationsgebiet in der Behandlung von bakteriellen Harnwegsinfektionen oder Atemwegsinfektionen, v.a. wenn gramnegative Erreger vermutet werden, weiters stehen diese Medikamente als Alternativpräparate bei behandlungsbedürftigen bakteriellen Durchfallserkrankungen (aber nicht bei Clostridienenteritis!) zur Verfügung. Cephalosporine der Gruppe 3 können auch in der Behandlung der Gonorrhoe eingesetzt werden. Cephalosporine der Gruppe 3 sollten aufgrund der schwachen oder fehlender Staphylokkenwirksamkeit nicht für die empirische Therapie von bakteriellen Infektionen verwendet werden, bei denen Staphylokokken im Erregerspektrum vermutet werden (z.B. Abszesse, Furunkel, Otitis media). Für diese Indikation stehen Cephalosporine der Gruppe 1  als effektivere Antibiotika mit geringerem Selektionsdruck zur Verfügung. Umgekehrt sind beim Nachweis gramnegativer Erreger auch bei mikrobiologischer in vitro Empfindlichkeit Cephalosporine der Gruppen 2 und 3 klinisch wirksamer und damit jenen der Gruppe 1 vorzuziehen.

Literatur:
(1) Chemother J 8,227, 1999
(2) Diagn Microbiol Infect Dis. 57(3 Suppl), 5S, 2007.
(3) Stille et al .Antibiotikatherapie, 11. Auflage, 89, 2005.
(4) Katzung, Basic and Clinical Pharmacology, 10th edition, 2007.
(5) Mandell et al. Principles and Practice of Infectious Diseases, 6th Edition, 294,  2005.
(6) Diagn Microbiol Infect Dis 57(3 Suppl), 67S, 2007
(7) Antibiotika Monitor 23, 28, 2007.
(8) Clin Exp Allergy 31, 438, 2001
(9) J Allerg Clin Immunol 106,1177, 2000.
(10) Mayo CLin Prof 80,405,2005.

 

Erhöht Selensubstitution das Diabetes II Risiko?

Wir haben darüber berichtet, dass es bei Patienten/innen ohne Selenmangel für Selensubstitution keine verlässlich belegte Indikation gibt (Pharmainfo XX/2/2005). Auch für die akute Gabe von Selen bei Patienten/innen in der Intensivstation ist eine positive Wirkung nicht sichergestellt (Pharmainfo XXII/1/2007). Jetzt zeigen Daten aus einer großen (1.202 Personen) Studie (1), dass Selensubstitution sogar negative Effekte haben kann. Patienten/innen erhielten entweder 200 µg Selen oder Placebo. Nach einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 7,7 Jahren waren in der Selengruppe mehr Diabetes Fälle aufgetreten (RR 1,55: 1,03 bis 2,33). Bei denjenigen Patienten/innen, die den höchsten Serum Ausgangsspiegel hatten, war das relative Risiko sogar 2,7 (1,3 - 5,61).

Wir haben bereits berichtet, dass durch prospektive Studien für Vitamin A und E Substitution nicht nur kein Nutzen, sondern sogar das Risiko einer erhöhten Mortalität wahrscheinlich gemacht wurde (Pharmainfo X/1/1995XII/4/1997XIII/1/1998XV/1/2000). Für Selen ist offensichtlich nun etwas Analoges geschehen. Eine kritische Haltung gegenüber wenig belegten Konzepten, hinter denen natürlich ein großes finanzielles Interesse steht, hat sich wieder einmal bestätigt. Ein Editorial (2) zu der obigen Arbeit stellt fest: Personen mit normaler Ernährung sollten Selen Supplementierung vermeiden.

Literatur:
(1) Ann Int Med 147,217,2007
(2) Ann Int Med 147,271,2007

 

Kurzinformation

Was können wir aus den folgenden 3 Beispielen für unser Verschreibungsverhalten lernen?

Lumiracoxib (Prexige), ein COX-2 Hemmer, wurde 2005 in einigen europäischen Ländern zur Behandlung der Osteoarthritis zugelassen, jetzt wurde diese Substanz wegen schwerer Leberschäden in ganz Europa vom Markt genommen (EMEA, Press Release 13. Dezember 2007). Dieses Medikament war ein me too Präparat ohne besondere Vorteile. Wir plädieren immer wieder dafür, solche Präparate höchstens dann zu verschreiben, wenn nach einigen Jahren das Nebenwirkungspotential überschaubar wird. Überraschend bzw. inkonsistent ist, dass die EMEA für dieses Präparat die Marktrücknahme beantragte, für Nimesulid (Aulin), das ebenfalls durch schwere Leberschäden belastet wurde, sich aber nur zu einer Indikationseinschränkung durchringen konnte (Pharmainfo XXII/4/2007).

 

P.b.b. Erscheinungsort Verlagspostamt 1010 Wien

Montag, 11. Jänner 2008

Kontakt:

em.Univ.Prof.Dr.
Hans Winkler 

Tel.: +43 (0)512/9003-71200
Fax: +43 (0)512/9003-73200  

E-Mail: hans.winkler@i-med.ac.at

Peter-Mayr-Straße 1a
A-6020 Innbruck

Sie finden uns hier.

© Medizinische Universität Innsbruck - Alle Rechte vorbehaltenMail an i-master - Letzte Änderung: 6.6.2013, 11:39:16ximsTwitter LogoFacebook Logo