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Inhalt

 

Therapie der Migräne - Update

Die Therapie der Migräne wurde in der Pharmainfo mehrfach behandelt (VII/2/1992VIII/3/1993XII/4/1997). Inzwischen sind ausgearbeitete Praxisrichtlinien für Erwachsene und Kinder erschienen (1-3), und es haben sich neue Entwicklungen im Bereich der Attackenprophylaxe ergeben, sodass ein Update sinnvoll erscheint.

18% der Frauen und 6% der Männer leiden an Migräne (1). Sie kommt auch bei Kindern vor und wird hier nicht selten und mit erheblichen negativen Konsequenzen für die Betroffenen verkannt (2). Migräne muss von anderen Kopfschmerzen abgegrenzt werden. Dabei hilft eine überarbeitete Klassifikation (4). Vor allem muss die Migräne vom Spannungskopfschmerz unterschieden werden. Die Gefahr der Entwicklung eines Analgetikamissbrauchs ist bei diesem leider besonders groß. Die Unterscheidung ist keineswegs leicht, da nicht wenige Migräne-Patienten/innen in ein Stadium mit überlagernden chronischen Spannungskopfschmerzen übergehen (3).

Die Unterscheidung in Migräne mit oder ohne Aura (4) liefert auch Hinweise für die Dringlichkeit der neurologischen Abklärung. Als Aura wird die Accompagné-Symptomatik früherer Einteilungen verstanden. Visuelle, sensible, vestibuläre, paretische und aphatische Symptome sowie Koma und amnestische Attacken können vor oder überhaupt anstelle der Kopfschmerzen auftreten. Sie sind manchmal Symptome einer in Strukturuntersuchungen nachweisbaren ZNS-Läsion. Eine effektive Prävention von Anfällen ist nicht nur zur Linderung der Beschwerden sondern auch zur Verhinderung eines möglichen migränösen Hirninfarktes indiziert.

Die Migränetherapie hat drei Hauptsäulen: Verhaltenstherapie mit Vermeidung anfallsfördernder SituationenAkuttherapie des Anfalles und Anfallsprophylaxe.

 

Akute Kopfschmerzattacken

Basierend auf den früheren Empfehlungen der Pharmainfo (VII/2/1992 und XII/4/1997) sollen nur die wichtigsten Gesichtspunkte wiederholt oder ergänzt werden (siehe auch 3,5).

Mittel erster Wahl sind Analgetika wie Azetylsalizylsäure (Acekapton, Aspirin Brausetabletten Akut, Aspirin Kautabletten, Aspirin, Aspro Classic, ASS Präparate, Togal Mono), Paracetamol (Ben-u-ron, Mexalen, Momentum Analgetikum, Paracetamol Präparate, Parakapton, Perfalgan) und NSAIDs wie Ibuprofen (Aktren, Brufen, Dismenol Neu, Dolgit, Dolofort, Ibumetin, Ibumetin forte, Ibuprofen Präparate, Imbun, Kratalgin, Kratalgin forte, Momento forte, Nureflex, Nurofen, RatioDolor akut) und Naproxen (Aleve, Miranax, Naprobene, Naproxen Präparate, Proxen). Bei Erbrechen empfiehlt sich die zusätzliche Gabe von Prokinetika (Metoclopramid: Gastrosil, Gastrosil retard, Metogastron, Paspertin; Domperidon: Domperidon „Alternova“, Motilium).

Wenn diese Mittel nicht ausreichen, haben sich als erste Alternative Triptane bewährt. Als Nebenwirkung dieser Substanzen wird ein pectanginöses Engegefühl in der Brust berichtet. Wie schon in der Pharmainfo XII/4/1997 angeführt, treten aber echte ischämische Ereignisse glücklicherweise nicht auf. Daran hat auch eine inzwischen jahrelange Erfahrung nichts geändert (3). Natürlich wird man bei entsprechender Anamnese und bei Patienten/innen mit vaskulären Risikofaktoren vorsichtig sein. Auch eine vorangehende oder gleichzeitige Gabe von Ergotaminen ist zu vermeiden.

Welches Triptan? 7 Triptane sind in Österreich zugelassen (Sumatriptan: Imigran, Sumatriptan Präparate; Naratriptan: Antimigrin, Naramig; Zolmitriptan: Zomig, Zomig Rapimelt; Rizatriptan: Maxalt, Maxalt Rapitab; Eletriptan: Relpax; Almotriptan: Almogran; Frovatriptan:Eumitan). Natürlich wird versucht, für diese Verbindungen nicht einen me-too Status, sondern Vorteile zu reklamieren. Dies wird sich noch verstärken, nachdem jetzt für Sumatriptan das erste preisgünstige Generikum auf den Markt gekommen ist. Es gibt keine Studien mit direkten Vergleichen und variablen Dosen, die eventuell vorhandene Unterschiede sichern. Eine Metaanalyse (6) zeigt aber, dass Unterschiede im Eintritt und der Stärke der Wirkung - wenn überhaupt vorhanden - relativ gering und natürlich auch dosisabhängig sind. Es ist daher zweckmäßig, mit dem ökonomisch günstigsten Präparat zu beginnen. Ist die Wirkung auch bei höherer Dosis nicht ausreichend, kann ein anderes Triptan versucht werden.

Welche Verabreichungsform? Neben der oralen Route ist gerade bei Migräne mit Erbrechen auch die rektale (Imigran Suppositorien) bzw. die nasale Gabe (Imigran Nasalspray, Zomig Nasenspray) in Erwägung zu ziehen. Nasale Sprays könnten den Vorteil haben, dass die Wirkung schneller eintritt. Bei Tabletten beginnt die schmerzhemmende Wirkung nach 30 - 60 Minuten. Bei nasaler Gabe soll dieser Effekt nach 10 Minuten beginnen und nach 30 Minuten für Sprays stärker als für Tabletten sein (7,8). Bei schweren Formen von Migräne (insbesondere mit Erbrechen) kann daher ein Spray einen Vorteil darstellen. Allerdings nur in diesem Fall kann man den deutlich höheren Preis des Spray, insbesondere gegenüber Generika, rechtfertigen.

Ergotamin Präparate (Ergotamin: Ergokapton; Dihydroergotamin: Detemes retard, Detemes, DHE „ratiopharm“, Dihydergot, Ergont, Ergovasan retard, Ergovasan, Migranal). Diese Substanzen sind heute nur mehr Reservemittel, können aber eine Alternative zu Triptanen darstellen, z.B. wenn Triptane nicht ausreichend wirken oder der dabei nicht so seltene Rückfall-Kopfschmerz ein Problem darstellt (9).

 

Anfallsprophylaxe

In der Migräne wird die Anfallsprophylaxe zu wenig beachtet. Sie ist indiziert bei Patienten/innen mit häufigen und/oder schweren Migräneattacken (je nach Schwere 3 bis 6 Attacken/Monat; 10), bei Kontraindikationen für oder Versagen der Anfallsmittel, bei mehr als zweimaligem Analgetikagebrauch pro Woche und bei Risikopatienten/innen für einen migränösen Hirninfarkt (3). Durch den Erfolg der Prophylaxe kann auch ein zu häufiger Gebrauch und Missbrauch der Schmerzmittel mit nachfolgender Chronifizierung und Verschlechterung der Kopfschmerzen verhindert werden.

Betablocker: Betablocker sind seit vielen Jahren Mittel der ersten Wahl (siehe Pharmainfo VII/2/1992; 3). Metoprolol (Beloc, Beloc Duriles retard, Lanoc, Metohexal retard, MetoMed, Metoprolol Präparate, Metoprolol retard Präparate, Seloken retard) ist bei Migräne am besten untersucht.

Serotoninantagonisten: Stehen in Österreich nicht zur Verfügung, da Methysergid wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen werden musste und Pizotifen nicht registriert ist.

Ca-Kanalblocker: Nur für Flunarizin (Amalium, Sibelium) ist eine positive Wirkung belegt (Pharmainfo VII/2/1992). Dieses Mittel ist allerdings wegen vieler Nebenwirkungen, insbesondere Depressionen und Parkinsonismus bei älteren Patienten/innen nur als Reservemittel einzusetzen.

Antidepressiva: Nur für Amitriptylin (Saroten, Saroten retard, Tryptizol) belegen allerdings ältere Studien eine gewisse Wirksamkeit (Pharmainfo VII/2/1992; 3) bei "gemischten Kopfschmerzformen", d.h. bei gleichzeitigem Bestehen von Spannungskopfschmerz. Wegen zahlreicher Nebenwirkungen und methodisch angreifbarer Studien bleibt Amitriptylin ein Mittel fernerer Wahl (für diese Indikation auch nicht registriert).

Einen neuen Gesichtspunkt stellt der Gebrauch etablierter Antiepileptika zur Prophylaxe von Migräneattacken dar (11). Theoretische Grundlage der Wirksamkeit bei Migräne ist die Annahme, dass es sich sowohl bei Epilepsien als auch bei Migräne um Ionenkanalerkrankungen handelt. Die meisten Antiepileptika haben einen belegten Effekt auf Ionenkanäle in den Membranen der Nervenzellen. Letztlich ist die Wirksamkeit bei Migräne aber nicht erklärt. Als klinisch relevant haben sich Valproat und Topiramat erwiesen. Weitere untersuchte Antiepileptika stellen keine Bereicherung für die Prophylaxe der Migräne dar (11).

Valproat, Valproinsäure (Convulex, Convulex Retardtabletten, Depakine, Depakine chrono retard, Depakine Chronosphere, Natriumvalproat Präparate): Die prophylaktische Wirkung bei Migräne ist durch methodisch einwandfreie Untersuchungen (12) belegt. Wirkunterschiede zu Propranolol (13) oder Flunarizin (14) wurden nicht gefunden. Eine Reihe von unangenehmen Nebenwirkungen sind für Valproat bekannt (siehe Pharmainfo I/4/1986; 15). Am häufigsten und für die Anwendung als Migräneprophylaktikum am wichtigsten sind Gewichtszunahme und Haarausfall. Frauen leiden wesentlich häufiger unter Migräne und dürften die geschilderten Nebenwirkungen kaum tolerieren. Auch der mögliche Einfluss von Valproat auf die hormonelle Achse und das gehäufte Vorkommen von Neuralrohrverschlussdefekten bei Kindern von Frauen, die vor und während der Schwangerschaft Valproat eingenommen haben, begrenzt die Verschreibung. Außerdem zeigt Valproat keinen Wirkvorteil gegenüber Propranolol oder Flunarizin (13,14).

Topiramat (Topamax): Topiramat wurde in mehreren großen Studien untersucht (15 - 18). Topiramat in der Dosis von 100 mg/Tag reduzierte signifikant die Zahl der Migräneattacken und erhöhte die Responderrate. Im Vergleich zum Betablocker Propranolol war es nicht wirksamer (19). Eine Dosiserhöhung auf 200 mg/Tag brachte keinen Wirkungszuwachs, führte aber zu mehr Nebenwirkungen. Aber schon mit 100 mg schieden bis zu 26% der Patienten/innen aus den Studien aus (16,17). Nebenwirkungen von Topiramat wurden in der Pharmainfo XIX/1/2004 beim Gebrauch als Antiepileptikum beschrieben. Das Spektrum derselben ist bei der Anwendung als Migränemittel ähnlich. Sehr häufig traten Parästhesien auf (bis zu 50%; 16). Diese waren meist vorübergehend und selten ein Grund zum Absetzen. Kognitive Nebenwirkungen (linguistische Störungen, Gedächtnisverlust) sind eine gelegentlich limitierende Nebenwirkung, wenn Topiramat als Antiepileptikum verordnet wird. Zunächst schien es, dass Migränepatienten/innen diesbezüglich weniger empfindlich sind. Bei Berücksichtigung der niedrigeren Dosis und der kürzeren Beobachtungszeit relativiert sich dieser Unterschied. Die unter Topiramat auftretende Gewichtsreduktion könnte nicht nur als unangenehme Nebenwirkung sondern unter Umständen auch als Vorteil angesehen werden.

Wenn ein Antiepileptikum als Migräneprophylaktikum verordnet wird, ist derzeit Topiramat vorzuziehen. Da es allerdings nicht besser wirkt als ein Betablocker und signifikante Nebenwirkungen hat, sollte der Einsatz auf Patienten/innen mit sehr schwerer Migräne beschränkt sein, bei denen Betablocker nicht wirken, oder bei internistischer Kontraindikation für diese Substanz.

Zusammenfassung: Im Migräneanfall sind Analgetika Mittel erster Wahl. Als nächste Stufe stehen Triptane zur Verfügung, wobei die Auswahl nach ökonomischen Gesichtspunkten (Generika) erfolgen kann. Als weitere Möglichkeit stehen Ergotaminpräparate zur Verfügung.

Als Intervalltherapie sind Betablocker Mittel erster Wahl. Ferner stehen neben Flunarizin heute auch noch Antiepileptika wie Topiramat zur Verfügung. Allerdings sind diese beiden Präparate durch Nebenwirkungen belastet.

Literatur:
(1) Neurology 55,754,2000
(2) Neurology 63,2215,2004
(3) Ann Intern Med 13,840,2002
(4) Cephalalgia 24,8,2004
(5) Drug Ther Bull 42,25,2004
(6) Lancet 358,1671,2002
(7) Drugs 63,2285,2003
(8) Med Lett 46,7,2004
(9) Brain 123,9,2000
(10) Headache 45,770,2005
(11) http://www.thecochranelibrary.com 2005; Issue 3
(12) Neurology 58,1652,2002
(13) Arch Neurol 54,1141,1997
(14) Functional Neurology 12,267,1997
(15) Med Lett 47,9,2005
(16) JAMA 291,965,2004
(17) Arch Neurol 61,490,2004
(18) Headache 41,568,2001
(19) J Neurol 251,943,2004

 

Haben Probiotika eine belegte Wirkung?

Probiotika (Probiotics) sind lebende Mikroorganismen (Bakterien oder Hefepilze), die verabreicht werden, um eine gesundheitsfördernde Wirkung zu erreichen. Verwendet werden für in Österreich registrierte Präparate Lactobacillus Stämme und Bifida Bakterien (Antibiophilus, Döderlein Med-Vaginalkapseln, Infloran, Omniflora, Trevis-Kapseln), Escherichia coli Stämme (Mutaflor, Symbioflor) und Saccharomyces Hefepilze (Yomogi). Die Indikation für Döderlein Vaginalkapseln sind bakterielle und fungale Infektionen der Vagina, für alle anderen Präparate Magen- und Darmerkrankungen.

Die Gabe dieser Mikroorganismen soll bei Störung in der physiologischen Bakterienflora zu deren Regulierung beitragen. Ähnliches wird auch dem Nahrungsmittel Yoghurt zugesprochen, das ja auch Lactobacillen enthält. Experimentelle Untersuchungen belegen als möglichen Wirkungsmechanismus solcher Probiotika u.a. eine Unterdrückung des Wachstums pathogener Bakterien, eine Verhinderung ihrer Andockung an das Gewebe und deren nachfolgende Invasion (1,2).

 

Gibt es ausreichende Studien, die eine klinisch relevante Wirkung belegen?

Behandlung vaginaler Infektionen 
Störungen im Bereich der vaginalen Mikroflora sind häufig und meist verursacht durch pathogene Bakterien und Candidapilze (3). Da Lactobacillen (L. crispatus und iners: 4) in der normalen Flora im Vordergrund stehen, lag der Versuch nahe, durch Zufuhr dieser Bakterien pathogene Keime sozusagen zu verdrängen. Dies sollte auch dadurch erreicht werden, dass der vaginale pH-Wert durch die Milchsäure der Lactobacillen gesenkt wird.

Dies wurde mit Yoghurt oder Lactobacillus Präparaten versucht, die nicht nur lokal, sondern auch oral gegeben wurden, weil Bakterien auch über diesen Weg die Vagina erreichen sollen (5). In einer Zusammenfassung früherer Studien zur klinischen Wirksamkeit wurde über „mixed results“ (3) berichtet und festgestellt, dass „randomisierte Studien“ notwendig sind (4,6). Eine solche Studie wurde inzwischen an 278 Frauen durchgeführt, die während und nach einer kurzen Antibiotikagabe auf das Auftreten von vulvovaginaler Candida-Infektion untersucht wurden (7). Die Patientinnen erhielten entweder orale oder vaginale Lactobacillen oder Placebo. Das Auftreten einer Candida-Vulvovaginitis war bei ca. 23% in Verum- und Placebogruppe gleich. Da das Antibiotikum auch die zugeführten Lactobacillen geschädigt haben mag, kann es sein, dass diese Studie nicht für andere Formen der Candida-Vaginitis gilt. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass in der Literatur keine auswertbaren positiven Studien zu dieser Therapie vorliegen. Andererseits stehen Antibiotika oder Fungostatika zur Behandlung der Vaginitis mit belegter Wirkung zur Verfügung.

Akute Durchfälle bei Kindern
Mehrere Metaanalysen (8,9,10, siehe auch 2) haben die Wirkung bei Durchfällen bei Kindern, meist durch Rotavirus verursacht, analysiert. Für verschiedene Lactobacillus Präparate konnte eine signifikant positive Wirkung auf die Durchfalldauer und zwar eine Reduktion der mittleren Dauer von 3 Tagen um ca. 1 Tag gezeigt werden. Diese positive Wirkung dürfte auch für Erwachsene gelten, wie eine weitere Metaanalyse (11) ergab.

Reisedurchfälle
Die Prävention von Reisedurchfällen durch Lactobacillus wurde in 4 Studien untersucht. Nur eine klinische Studie brachte positive Resultate, während 3 andere an einer größeren Zahl von Reisenden keine signifikante Wirkung zeigten (siehe 2).

Antibiotika-induzierte Durchfälle
Eine Metaanalyse (12) erfasste 9 Studien. Zur Prävention solcher Diarrhoen fanden 6 Studien einen signifikant positiven Effekt für Saccharomyces boulardii bzw.  Lactobacillus (siehe auch 12a für eine weitere Metaanalyse). Wenn alle Studien zusammengefasst werden, ergibt sich ein signifikanter Effekt im Sinne einer Reduktion von Diarrhoen während Antibiotikatherapien. Für eine Therapie bereits aufgetretener Diarrhoen liegen keine überzeugenden Daten vor (siehe 2,12).

Colitis ulcerosa 
In zwei Doppelblindstudien (13,14) wurde die Wirkung von nicht pathogenen Escherichia coli Präparaten (Nissle 1917) mit der Substanz Mesalazin (Claversal, Mesagran, Pentasa, Salofalk) über 12 Wochen bzw. 1 Jahr bezüglich der Dauer einer Remission verglichen. Leider wurden keine Placebo-Gruppen eingeschlossen. Beide Präparate erwiesen sich als äquivalent (siehe auch 1,2) wirksam, sodass bei dieser Indikation eine positive Wirkung der Probiotika möglich erscheint (siehe auch 14a).

Morbus Crohn
Es liegen widersprüchliche Ergebnisse vor, einer positiven Studie mit Saccharomyces boulardii stehen 3 negative mit E. coli und Lactobacillus gegenüber (2). Dieser negative Trend früherer Studien wird durch zwei neue Doppelblindstudien (15,16) mit Lactobacillus bestätigt. Bei Morbus Crohn dürften Probiotika ohne Effekt sein.

Reizdarm (Colon irritabile)
Die vorliegenden Doppelblindstudien ergeben kein einheitliches Bild. In einer Studie fehlt eine statistische Auswertung (17), in anderen Studien wurden signifikante Resultate nur in einem (z.B. Flatulenz oder Völlegefühl) von mehreren Symptomenparametern (Flatulenz, Völlegefühl, Stuhlfrequenz, Bauchschmerzen und Gesamt-Darmfunktion) erhalten (18-20,23,24) oder alle Parameter waren nicht signifikant verändert (21,22). Offensichtlich können diese Studien eine klinisch relevante Wirkung von Probiotika bei dieser Indikation nicht belegen (siehe auch 25,26).

 

Zusammenfassung

Für Probiotika liegen für akute Durchfallerkrankungen bei Kindern, für die Prävention Antibiotika-induzierter Durchfälle und für Colitis ulcerosa Doppelblindstudien vor, die eine positive Wirkung möglich erscheinen lassen. Allerdings ist nicht klar, inwieweit positive Resultate auf Präparate mit unterschiedlichen Bakterienstämmen und mit Unterschieden in der Produktion anwendbar sind. Für viele Indikationen gibt es nur unzureichende Studien oder diese sprechen eher für Wirkungslosigkeit. Weitere große Studien sind dringend notwendig (siehe auch 25).

Die in Österreich gewährten Zulassungen entsprechen nur sehr teilweise belegten Indikationen. Für Enteritiden und Durchfälle (Omniflora, Trevis), Colitis ulcerosa (Mutaflor) und zur Prävention von Antibiotika-induzierten Durchfällen (Omniflora, Trevis) erscheint eine positive Wirkung möglich, für Colon irritabile (Mutaflor, Symbioflor), Obstipation (Mutaflor), Verdauungsstörungen (Infloran), funktionelle Störungen (Symbioflor) oder toxische Dyspepsien (Omniflora), was immer das ist, gilt dies derzeit nicht. Für Saccharomyces Präparate (Yomogi) gibt es höchstens positive Daten für Antibiotika-induzierte Durchfälle, aber nicht für die Indikation akute Durchfälle und Reisediarrhoen.

Literatur:
(1) Curr Opin Gastroent 21,44,2004
(2) Drug Ther Bull 42,85,2004
(3) Amer J Clin Nutr 73,437S,2001
(4) Postgr Med J 79,428,2003
(5) FEMS Immunol Med Microbiol 30,49,2001
(6) Obstet Gynecol Surv 58,35,2003
(7) BMJ 329,548,2004
(8) J Ped Gastroent Nutrition 33,517,2001
(9) Pediatrics 109,678,2002
(10) Dig Dis Sci 47,2625,2002
(11) Cochrane Library 2003, issue 4, CD 003048.pub2
(12) BMJ 324,1361,2002
(12a) Aliment Pharmacol Ther 22,365,2005
(13) Lancet 354,635,1999
(14) Gut 53,1617,2004
(15) Inflam Bowel Dis 11,833,2005
(16) Gut 55,842,2006
(17) J Clin Gastroenterol 38, suppl 2,104,2004
(18) Amer J Gastroent 95,1231,2000
(19) Aliment Pharmacol Ther 17,895,2003
(20) Neurogastroent Motil 17,687,2005
(21) Dig Liver Dis 32,294,2000
(22) J Pediatr 147,197,2005
(23) Eur J Gastroent Hepatol 13,1143,2001
(24) Aliment Pharmacol Ther 22,387,2005
(25) Digestion 72,57,2005
(26) Curr Opin Gastroenterol 21,697,2005
(27) Pediatrics 115,178,2005

 

Bufexamac Hautcreme (Parfenac)

Bufexamac ist ein nichtsteroidales Antiphlogistikum, das bei Applikation auf die Haut, aufgrund seiner antiphlogistischen Wirkung, bei Ekzemen, Neurodermitis und Verbrennungen ersten Grades, günstig sein soll.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (Newsletter 2006-094) rät nun vom Einsatz dieser Salbe ab. Diese Warnung basiert u.a. auf einer Arbeit mit dem Titel: Eine heimtückische und häufige Nebenwirkung: Kontaktallergien durch das Ekzemtherapeutikum Bufexamac (DMWschr 130,2881,2005). Als Schlusssatz heißt es: "Wegen der hohen quantitativen Bedeutung des durch dieses Arzneimittel ausgelösten allergischen Kontaktekzems, der erschwerten Diagnoseerstellung, einer nicht belegten Wirksamkeit und der Verfügbarkeit wirksamer und mit weniger Nebenwirkungen behafteter Therapeutika, besteht ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis". Es wird sich zeigen, ob die Zulassungsbehörden reagieren, eine Verschreibung dieser Salbe sollte aber schon jetzt vermieden werden.

 

Sägepalmfrüchte (enthalten in Permixon, Prostagutt, Prosta-Urgenin, Urogutt) bei benigner Prostatahyperplasie

In der Pharmainfo XX/1/2005 haben wir über die Verwendung von Pflanzenextrakten, u.a. auch Sägepalme, bei Prostatahyperplasie berichtet und festgestellt, dass zwar einige positive Studien vorliegen (1-3), aber die Wirkung nicht ausreichend belegt erscheint. In den USA wurde nun eine sorgfältig geplante doppelblinde Studie (4) mit Sägepalmextrakten an einer großen Zahl (n = 225) von Männern, über einen langen Zeitraum (ein Jahr) durchgeführt. Insbesondere wurde auch darauf geachtet, dass das Placebo einen dem Verum vergleichbaren bitteren Geschmack und Geruch hatte. Als Verum wurde ein CO2-Extrakt von Sägepalmfrüchten verwendet. Im Verlauf eines Jahres wurde weder für einen umfassenden Symptom Index (American Urological Association Symptom Index), noch für den maximalen Harnfluss, die Menge des Restharns und die subjektive Symptomatik ein signifikant positiver Effekt (ITT-Analyse) gefunden. Diese Studie wurde nicht von einer Firma sondern von nationalen Institutionen der USA unterstützt, die damit begonnen haben, für häufig verwendete, aber nach wie vor umstrittene Therapien (z.B. für pflanzliche Extrakte) unabhängige und verlässliche Studien durchzuführen. Diese vorliegende Studie spricht also klar gegen einen nützlichen Effekt von Sägepalmextrakten. Allerdings kann eingewendet werden, dass dies nur für dieses in der Studie verwendete Präparat gilt. Dieser Einwand bestätigt aber nur die unvertretbare Situation, dass für manche Pflanzenextrakte weder ein Wirkstoff (wenn es ihn überhaupt gibt) identifiziert noch in der für eine Wirkung notwendigen Konzentration standardisiert ist. Ohne dieses Kriterium ist aber eine gleichbleibende Qualität und damit Therapie unmöglich.

Literatur:
(1)    JAMA 280,1604,1998
(2)    Eur Urol 41,497,2002
(3)    Urology 58,suppl.6A,71,2001
(4)    NEJM 354,557,2006

 

Echinacea Präparate

In früheren Pharmainfos (XVII/3/2002 und XIX/3/2004) berichteten wir über eine mangelnde Wirksamkeit von Echinacea bzw. Echinacea purpura (Sonnenhut) Extrakten bei Infekten der oberen Luftwege. Eine große Studie (437 Personen) untersuchte nun die Wirkung von Echinacea angustifolia Präparaten auf eine Rhinovirus Infektion (NEJM 353,342,2005). Das Pflanzenpräparat erwies sich sowohl hinsichtlich der Infektionsrate als auch in Bezug auf die Schwere der Symptome (wie Menge des Nasalsekretes) als wirkungslos.

Sonnenhutpräparate werden seit Jahrhunderten (in den USA z.B. schon von den Indianern) als Kräutermedizin verwendet („well established use“). Derzeit wird bei der Europäischen Zulassungsbehörde die Bedeutung des „well established use“ als Basis für Zulassungen von Pflanzenpräparaten diskutiert. Das, was nach unserer Meinung zählt, ist aber die „evidence based medicine“, wie sie die oben zitierte Studie demonstriert. Nur diese kann - ein sehr richtiges Bild in diesem Kontext – die „Spreu vom Weizen“ trennen. Wir haben immer wieder betont, wie viele Präparate und Verbindungen aus der Natur heute zum „Weizen“, d.h. zu den wirksamen Medikamenten zählen, aber eben keineswegs alle Stoffe aus der Natur, auch wenn sie traditionellerweise als "Heilmittel" bezeichnet werden. Besonders zu begrüßen ist, dass nun insbesondere in den USA vermehrt große Studien (zum Teil finanziert durch öffentliche Mittel) mit Pflanzenpräparaten durchgeführt werden, um auch auf diesem Gebiet schlüssige Antworten zu erhalten. Wir werden über solche Studien weiterhin berichten.

 

P.b.b. Erscheinungsort Verlagspostamt 1010 Wien

Montag, 31. Mai 2006

Pharmainformation

Kontakt:

em.Univ.Prof.Dr.
Hans Winkler 

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