Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation

Welt-Hepatitis-Tag am 28. Juli

Hepatitis C-freies Tirol: Erreichbares Ziel – Diagnose vorausgesetzt

  • Hepatitis C Elimination in Tirol ist ein realisierbares Gesundheitsziel
  • Hohe Diagnose- und Behandlungsraten können Neuinfektionen verhindern
  • Screening-Lücke bei der „Baby-Boomer“-Generation

Nur die Hälfte aller Tirolerinnen und Tiroler mit einer chronischen Hepatitis C Virus (HCV) Infektion ist sich ihrer Erkrankung bewusst. Unbehandelt kann Hepatitis C über die Jahre zur Leberzellschädigung und in Folge zur Leberzirrhose und zum Leberkrebs führen. Die HCV Infektion ist seit wenigen Jahren durch neue, nebenwirkungsarme Therapien heilbar. Das deshalb von der WHO global ausgerufene Gesundheitsziel, Hepatitis C bis 2030 zu eliminieren, könnte in Tirol – einem Modellland, was Gesundheitsstruktur und Datendokumentation betrifft – umgesetzt werden.

Innsbruck, 25. Juli 2018: Mit dem Einsatz neuer hochwirksamer und praktisch nebenwirkungsfreier Therapien ist Hepatitis C die erste chronische Virusinfektion, die – unabhängig vom Stadium der bereits bestehenden Lebererkrankung – vollständig heilbar ist. Dadurch kann die Rate der Neuinfektionen effektiv reduziert werden und eine Elimination dieser Infektion ist zu einem erreichbaren Ziel geworden. „Unbehandelt führt eine Hepatitis C jedoch zu Leberzirrhose und mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Leberkrebs und zählt damit zu den tödlichsten Viruserkrankungen weltweit“, sagt Herbert Tilg, ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Lebererkrankungen und Direktor der Univ.-Klinik für Innere Medizin I, an der im vergangenen Jahr 73 Tiroler Hepatitis C PatientInnen behandelt wurden – eine Behandlungsrate, die im Sinne der Verringerung von Neuinfektionen fast doppelt so hoch sein sollte.

Etappenziel: Prävention durch Therapie

„Mit einer gestiegenen Diagnoserate könnten in Tirol 1.254 Neuinfektionen bis zum Jahr 2030 vermieden und damit auch 150 neue Leberzirrhosen vermieden werden“, prognostiziert Heinz Zoller, Leiter des Hepatologischen Labors an der Univ.-Klinik für Innere Medizin I, in dem auch die Hepatitis C Virusdiagnostik durchgeführt wird. Das Hepatologische Labor und seine unmittelbare Anbindung an die direkte Patientenversorgung mit Diagnose und Therapieangebot für alle Betroffenen haben für Österreich Modellcharakter und sollte deshalb auch die Grundlage für ein geplantes Hepatitis-Register und Anhaltspunkte für die Novellierung des österreichischen Epidemiegesetzes bieten. Mit seinem Mitarbeiter Benedikt Schäfer hat Heinz Zoller die Daten aller bekannten, in Tirol lebenden Hepatitis C PatientInnen dokumentiert und die Resultate inklusive zukunftsorientierter Modellanalysen als wissenschaftlichen Artikel im Journal PlosOne publiziert. „Eine möglichst lückenlose Datenerfassung und Therapiedokumentation bilden elementare Voraussetzungen, um erste Leitziele in einem Eliminationskonzept festlegen zu können“, so Zoller.

Effektive Therapie für alle Betroffenen

Neue Medikamente in Form von direkt antiviral wirksamen Substanzen ersetzen heute die mit starken Nebenwirkungen behafteten und zuvor eingesetzten Interferon-Therapien. Die sogenannten DAAs (directly acting antiviral agents) hemmen auf unterschiedliche Weise die Vermehrung des Hepatitis-C-Virus, indem sie spezifisch gegen das Virus wirken. Bereits seit 2013 wird die neue Therapieform in Innsbruck angeboten. „Für die zwei bis drei Monate andauernde Behandlung gibt es praktisch keine Einschränkung, sodass auch Patientinnen und Patienten mit bereits fortgeschrittener Erkrankung davon profitieren“, betont Zoller.

Therapiert werden kann naturgemäß nur, wer auch diagnostiziert ist. Schätzungen zufolge ist das bei der Hälfte der mit dem Virus infizierten TirolerInnen nicht der Fall – auch, weil Hepatitis C im frühen Stadium keine Symptome verursacht, was eine epidemiologische Hochrechnung der Gesamtprävalenz erschwert. Die größte verbleibende Herausforderung bei der Elimination von Hepatitis C liegt also in der Steigerung der Diagnoserate, die in Österreich nicht ausreichend ist. Mögliche Wege zur Steigerung der Diagnoserate wären ein Kohorten Screening der zwischen 1946 und 1964 geborenen „Baby-Boomer“-Generation. In dieser Generation kam es gehäuft zu Infektionen durch allfällige Bluttransfusionen, Organtransplantationen oder andere medizinische Behandlungen, die nicht den heutigen Standards entsprachen. Das Hepatitis C Virus wurde 1989 erstmals identifiziert und kann erst seit 1992 verlässlich im Blut nachgewiesen werden. Obwohl das Risiko, sich heutzutage mit dem Virus anzustecken relativ gering ist, gibt es Risikogruppen, in denen das Hepatitis C Virus deutlich häufiger nachgewiesen wird,  als in der allgemeinen Bevölkerung. Neben den bereits erwähnten EmpfängerInnen von Bluttransfusionen oder anderen Blutprodukten vor 1992 zählen auch Kinder HCV infizierter Mütter und Personen, die intravenös Drogen konsumieren oder konsumiert haben oder Menschen mit häufig wechselnden SexualpartnerInnen zu den Gruppen mit erhöhtem Risiko für eine chronische Infektion. Um auch in diesen Gruppen eine entsprechende Diagnose- und Behandlungsrate zu erreichen, arbeitet das Team um Heinz Zoller bereits mit den Drogenambulanzen der Universitätsklinik für Psychiatrie und den Tirol Kliniken sowie dem HIV-Team der Univ.-Klinik für Dermatologie zusammen. (Siehe Video: https://youtu.be/Vm96F5YEeQQ)

Zahlen für Tirol im Detail

Basierend auf den Daten des Hepatologischen Labors wurden epidemiologische Modellrechnungen für Tirol durchgeführt. Diese Modelle zeigen, dass ohne gezielte Aktivitäten zur Steigerung der Diagnose- und Behandlungszahlen die HCV Prävalenz – also die Häufigkeit von Hepatitis C Virusinfektionen – von 2015 bis 2030 nur langsam geringer wird. Werden keine gezielten Aktivitäten zu Steigerung der Hepatitis C Neudiagnosen gesetzt, können die von der WHO vorgegebenen Ziele nicht erreicht werden (siehe schwarze Linie in den Grafiken).

Nur wenn in den kommenden Jahren 130 Tiroler PatientInnen pro Jahr oder mehr behandelt werden, kann die Hepatitis C in Tirol – gemäß der WHO Definition – eliminiert werden (siehe grüne Linie in den Grafiken). "Da durch höhere Behandlungsraten von rund 1.000 Patienten bis zum Jahr 2030 auch zusätzliche Neuinfektionen verhindert werden, könnten dadurch allein in Tirol in den kommenden Jahren über 1.250 Hepatitis C-Erkrankungen geheilt bzw. vermieden werden“, prognostiziert der Hepatologe Zoller.

Link zur Forschungsarbeit:

Disease burden of hepatitis C in the Austrian state of Tyrol - Epidemiological data and model analysis to achieve elimination by 2030. Schaefer B, Viveiros A, Al-Zoairy R, Blach S, Brandon S, Razavi H, Dorn L, Finkenstedt A, Effenberger M, Graziadei 4, Sarcletti M, Tilg H, Zoller H. PLoS One. 2018 Jul 12
http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0200750 

 

Details zur Medizinischen Universität Innsbruck

Die Medizinische Universität Innsbruck mit ihren rund 2.000 MitarbeiterInnen und ca. 3.000 Studierenden ist gemeinsam mit der Universität Innsbruck die größte Bildungs- und Forschungseinrichtung in Westösterreich und versteht sich als Landesuniversität für Tirol, Vorarlberg, Südtirol und Liechtenstein. An der Medizinischen Universität Innsbruck werden folgende Studienrichtungen angeboten: Humanmedizin und Zahnmedizin als Grundlage einer akademischen medizinischen Ausbildung und das PhD-Studium (Doktorat) als postgraduale Vertiefung des wissenschaftlichen Arbeitens. An das Studium der Human- oder Zahnmedizin kann außerdem der berufsbegleitende Clinical PhD angeschlossen werden.

Seit Herbst 2011 bietet die Medizinische Universität Innsbruck exklusiv in Österreich das BachelorstudiumMolekulare Medizin“ an. Seit dem Wintersemester 2014/15 kann als weiterführende Ausbildung das Masterstudium „Molekulare Medizin“ absolviert werden.

Die Medizinische Universität Innsbruck ist in zahlreiche internationale Bildungs- und Forschungsprogramme sowie Netzwerke eingebunden. Schwerpunkte der Forschung liegen in den Bereichen Onkologie, Neurowissenschaften, Genetik, Epigenetik und Genomik sowie Infektiologie, Immunologie & Organ- und Gewebeersatz. Die wissenschaftliche Forschung an der Medizinischen Universität Innsbruck ist im hochkompetitiven Bereich der Forschungsförderung sowohl national auch international sehr erfolgreich.

Pressefotos zum Herunterladen:

Copyright: MUI

 

v.l.: Die Hepatitis-C-Experten Benedikt Schäfer, Heinz Zoller und Herbert Tilg, Direktor der Univ.-Klinik für Innere Medizin I

Grafik 1

Grafik 2

 

Für Rückfragen:
ao.Univ.-Prof. Dr.med.univ. Heinz Zoller
Universitätsklinik für Innere Medizin I
Tel.: +43 50 504 81922
E-Mail: Heinz.Zoller@i-med.ac.at

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