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Georg Goebel

Unsere ForscherInnen an der MUI: Georg Göbel

Im Rahmen der Serie „Unsere ForscherInnen an der MUI“ werden engagierte WissenschafterInnen der Medizinischen Universität Innsbruck vor den Vorhang geholt. Ihre Gemeinsamkeit: Sie betreiben seit Jahren erfolgreich medizinische (Grundlagen-)Forschung – das belegen zahlreiche wissenschaftliche Publikationen sowie die Einwerbung von Drittmitteln – und sind mit ihrem Wissen in der Lehre tätig*.

Diesmal portraitieren wir Assoz. Prof. Dr. Mag. Georg Göbel. Der Mathematiker arbeitet interdisziplinär und mit statistischen Methoden an der Identifikation von Biomarkern für verschiedene Erkrankungen und koordiniert den Aufbau der Biobank Innsbruck.

Georg Göbel wurde vergleichsweise spät zur Wissenschaft berufen. Er entschied sich erst im Alter von 27 Jahren für das Lehramtsstudium Mathematik mit Psychologie, Philosophie und Pädagogik, aber es stellte sich rasch heraus, dass es vor allem die Mathematik war, die ihn begeisterte und faszinierte: „Durch die Beweismethoden und die formale Ausdrucksweise der Mathematik habe ich das Gefühl, einer wissenschaftlichen Wahrheit – so es denn eine gibt – sehr nahe zu kommen. Ich glaube auch, dass es durch mathematische Methoden möglich ist, Probleme beispielsweise in der Landwirtschaft, im Bauwesen und ganz allgemein im Leben der Menschen zu lösen“, erläutert er schmunzelnd.

Lehrer wurde Georg Göbel nach seinem Studium nicht, stattdessen Assistent am Institut für Biostatistik und Dokumentation. 2002 promovierte er bei Karl-Peter Pfeiffer im Bereich Medizinische Informatik mit einem „Datenmodell für ein patientenorientiertes Gesundheitsinformationssystem in Österreich“ und fand in der medizinischen Statistik seine zukünftige Forschungsstätte. „Es ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten, die Krankheiten heilen und deren Ursachen erforschen möchten, mit BiologInnen, die sich mit elementaren Phänomenen in kleinsten Organismen beschäftigen bis hin zu PsychologInnen, die sich unter anderem mit den Emotionen der Menschen auseinandersetzen, die mich so fasziniert und unheimlich motiviert! Ich schätze an unserer Universität vor allem, dass Fachleute aus unterschiedlichsten Bereichen auf Augenhöhe bei klinisch-medizinischen Forschungen zusammenarbeiten.“

Medizinische Statistik: Von der Probe über Biomarker bis hin zur Biobank

Der Tätigkeitsbereich des Mathematikers am Department für Medizinische Statistik, Informatik und Gesundheitsökonomie spannt einen weiten Bogen von fachspezifischen Forschungsarbeiten im Bereich Überlebensanalyse, statistischem Service für KollegInnen bis hin zur Lehre und Projektentwicklung. „Den Kern meiner Forschung bildet eigentlich - wie oft auch bei MedizinerInnen oder BiologInnen, die entnommene Probe, beispielsweise Blut oder Gewebe aus dem Körper eines Menschen. Während die KollegInnen diese Proben unter dem Mikroskop untersuchen, versuche ich die Daten, etwa der Anzahl und Verteilung bestimmter Proteine, zu modellieren. Aufgrund dieser Daten können eine Vielzahl von Gewebeproben miteinander verglichen und Zusammenhänge mit Krankheitsverläufen ausgewertet werden, so dass potentielle Biomarker für bestimmte Krankheiten identifiziert werden können.“ Es sind nicht nur Häufigkeitsberechnungen und Mittelwerte, die in der medizinischen Statistik beforscht werden, sondern komplexe, zufällige und nicht vollständig determinierte Ereignisse. So spielte für Georg Göbel die Fuzzylogik, in der Unschärfen in Datenmengen oder Prozessen ermittelt und modelliert werden, bereits bei der Diplomarbeit eine besondere Rolle. „Gerade dann, wenn es um biologische Prozesse oder menschliches Verhalten geht oder neue Wirkstoffe, Medikamente und Therapien evaluiert werden, sind Zusammenhänge und zukünftige Ereignisse fast nie durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt.“

Da einzelne Bioproben oft den Ausgangspunkt für medizinische Forschung bilden, stellt die systematische Sammlung und qualitätsgesicherte Aufarbeitung dieser Proben und der Daten eine besondere Herausforderung dar. Georg Göbel, der auch als lokaler Biobank-Koordinator fungiert, kommt dabei im Rahmen des BBMRI (Biobanking and Biomolecular Resources Research Infrastructure)-Projektes die Aufgabe zu, eine koordinierte Biobank am Standort Innsbruck aufzubauen. „Wir haben in Innsbruck rund 50 hochwertige Sammlungen von unterschiedlichen Humanproben, beispielsweise eine Sammlung an Mammakarzinomproben oder auch Sammlungen verschiedenster Schnittbilder aus der Computertomographie und MRT. Beim Aufbau einer Biobank, die möglichst umfangreiche Informationen über die Proben unserer Sammlungen umfassen soll, müssen die Proben und Daten nach einheitlichen, aber den jeweiligen Fragestellungen angemessenen, Standards aufgearbeitet werden, damit auch andere Forscherinnen und Forscher diese Informationen in der Zukunft nutzen können“, erklärt Göbel. „Spannend ist bei diesem Projekt die Herausforderung, dass es sich dabei nicht nur um ein reines Forschungs- sondern vor allem auch um ein nachhaltiges Infrastrukturprojekt handelt. Biobanken mit Bioproben, Bildern und klinischen Daten sind für die medizinische Forschung auch in Zukunft unverzichtbare Ressourcen. Technologische Aspekte wie etwa die Vernetzung der verschiedenen IT-Systeme, die Aufarbeitung und die Verlinkung zwischen Daten und ihren Metainformationen müssen bei der Konzeption berücksichtigt werden, da sie wichtige Qualitätskriterien darstellen.“

„Ich bin kein BigData-Analytiker!“

Wenngleich digitale Verfahren und vernetzte Datensammlungen auch in der biomedizinischen Forschung kontinuierlich an Bedeutung zunehmen, als einen „BigData“-Analytiker will sich Georg Göbel nicht sehen: „Nein, BigData ist zwar auch in der Medizin ein großes Thema, aber tatsächlich sind viele biologische, chemische, neurologische oder physiologische Phänomene in einem Organismus bei weitem unstrukturierter und komplexer, als dass wir sie derzeit mit vergleichsweise einfachen Informations-Netzwerken erklären könnten. Gewiss, in der epidemiologischen Forschung wird bereits mit großen Datenmengen gearbeitet, in der klinischen Forschung können diese Methoden jedoch in vielen Bereichen noch nicht angewandt werden.“

Wenn es um seine Lehrtätigkeit an der Medizinischen Universität Innsbruck geht, wird der ausgebildete Mathematiklehrer mitunter mit Klischees konfrontiert. „Ähnlich wie bei Mathe in der Schule, handelt es sich auch bei Statistik im Rahmen des Medizinstudiums eher um ein formales Fach, dem leider wenig Motivation und kaum Verständnis entgegengebracht wird. Das ist sehr schade, denn auch wer im klinischen Bereich langfristig erfolgreich arbeiten möchte, kommt mittlerweile an Statistik und Mathematik nicht vorbei,“ meint Göbel.

Wissenschaftliche Softskills: Neugierde, Genauigkeit, Zielstrebigkeit, Ehrlichkeit

Von jungen Menschen, die in die Wissenschaft streben, wünscht er sich Neugierde, Genauigkeit, Zielstrebigkeit und Ehrlichkeit. „Ohne diese vier Eigenschaften und ohne die Bereitschaft, das eigene Tun und den Sinn der eigenen Tätigkeit regelmäßig zu reflektieren, wird man als Wissenschaftlerin oder als Wissenschaftler wohl kaum erfolgreich sein. Für diesen Beruf braucht es unbedingt auch ein gewisses Maß an Idealismus“, meint Göbel. Jedoch, so räumt er ein, gibt es Faktoren, die seitens der Institution und Organisation maßgeblich dazu beitragen können, wissenschaftliche Tätigkeit nachhaltig zu fördern. Georg Göbel nennt dabei etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: „Nach der Geburt meiner beiden Töchter, die heute 11 und 13 Jahre alt sind, habe ich die Möglichkeit der Elternkarenz in Anspruch genommen. So konnte auch meine Frau ihre ärztliche Ausbildung abschließen. Dabei habe ich mich nie vollständig aus dem Beruf ausgeklinkt, sondern war zwischen 80 bis 20 Prozent karenziert, um zumindest am Status quo der Forschung zu bleiben. Die Möglichkeit, an der medizinischen Universität Beruf und Familie flexibel vereinbaren zu können, halte ich für einen mitentscheidenden zukunftsorientierten Standortvorteil für Innsbruck.“ 

(A. Schönherr)

Weitere Reportagen über NachwuchsforscherInnen an der Medizinischen Universität Innbsruck
https://www.i-med.ac.at/forschung/nachwuchsforschung.html

*) Die im Rahmen dieser Reportageserie portraitierten WissenschafterInnen besetzen eine A2-Laufbahnstelle als Assoziierte ProfessorInnen an der Medizinischen Universität Innsbruck.  Voraussetzung dafür ist die Erfüllung einer Qualifizierungsvereinbarung, die unter anderem erfolgreiche Forschungsleistung, Lehre und Einwerbung von Drittmitteln umfasst.

 

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