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Nachruf auf em.o.Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier

Sachensmaier_Nachruf

20.4.2017

Die Medizinische Universität Innsbruck betrauert zutiefst das Ableben von em.o.Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier.

em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier wurde am 14.2.1927 geboren. Dem Studium der Pharmazie in Innsbruck folgte das Doktorat in pharmazeutischer Chemie. Danach war er Postdoc am McArdle Institute for Cancer Research in Madison/Wisconsin bei Prof. H.P. Rusch. Nach seiner Rückkehr nach Europa trat er eine Assistentenstelle am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg bei Prof. Lettré an, wo er später dann auch sehr erfolgreich als selbständiger Arbeitsgruppenleiter tätig war.

Als Konsequenz seiner international viel beachteten Forschungstätigkeit erfolgte dann 1970 der Ruf auf die Professur für Biochemie an der Medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck. Er war Gründer und Vorstand des Instituts für Biochemie und Experimentelle Krebsforschung; zuerst provisorisch untergebracht in Räumlichkeiten der Hautklinik, ab 1976 im 5. – 7. OG des Neubaus in der Fritz-Pregl-Straße 3.

1979 wurde er zum Honorarprofessor an der Philosophischen / Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck ernannt. Ab 1980 war er auch Professor am Institut für Medizinische Chemie und Biochemie sowie Vorstand des Instituts für Experimentelle Krebsforschung.

Sein neues Institut in Innsbruck erreichte innerhalb kürzester Zeit große internationale Sichtbarkeit und Reputation. Deshalb war es auch nicht überraschend, dass in den folgenden Jahren dieses Institut neben vielen exzellenten heimischen GrundlagenforscherInnen auch zahlreiche Postdocs und GastwissenschaftlerInnen aus England, USA, Deutschland, Spanien, Dänemark und Schweden beheimatete und zu deren Karriereentwicklung entscheidend beitrug.

em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier unterrichtete sowohl Biochemie für Medizinstudierende als auch Biochemie für Studierende der Naturwissenschaftlichen Fakultät (Biologie, Pharmazie und Chemie), weil es erst ab 1978 eine eigene Lehrkanzel für Biochemie  an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck durch o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Manfred Schweiger gab. Er betreute auch eine große Anzahl von Diplomarbeiten und Dissertationen von Naturwissenschaftlern.

em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier erforschte zu Beginn seiner Karriere die mitochondriale Atmungsaktivität von Maus-Tumorgewebe und wandte sein Interesse dann sehr bald den Synchronisationsmethoden für Säugerzelllinien zu.

Zu seinen grundlegenden und beachtlichen Beiträgen in der Zellzyklusforschung muss man sagen, dass er unter den Ersten war, die überhaupt darüber nachdachten, ob und wie der Zellzyklus kontrolliert wird. Zudem hat er im azellulären Myxomyceten Physarum polycephalum ein Modellsystem entwickelt, in dem zum ersten Mal Experimente zur Frage der Zellzykluskontrolle gemacht werden konnten, lange bevor die Hefegenetiker sich dann dieses Themas annahmen. Er war also diesbezüglich ein absoluter Wegbereiter und mit seinen Fragen wahrscheinlich seiner Zeit und den Möglichkeiten diese Fragen zu beantworten, weit voraus.

Eine bahnbrechende Arbeit der frühen 1960er Jahre war seine Beobachtung, dass Actinomycin D in Physarum polycephalum die RNS-Synthese signifikant hemmt, während die DNS- und Proteinsynthese kaum beeinträchtigt wurden. Dadurch wurde die Auslösung einer synchronen Kernteilung in Makroplasmodien verhindert oder stark verzögert. Diese Ergebnisse sprachen dafür, dass zur Vorbereitung einer Mitose während des größten Teiles der Interphase DNS-abhängige RNS neu gebildet werden muss, die möglicherweise dann als Informationsüberträger die Synthese mitosespezifischer Proteine kontrolliert. Dadurch wurde erstmals eine Arbeitshypothese postuliert, nach der die Mitose als ein durch Genregulation gesteuerter Vorgang aufzufassen wäre. Eine unglaublich wichtige Erkenntnis, welche ein ganzes wissenschaftliches Feld neu geschaffen und nachhaltig geprägt hatte. Ein Meilenstein war dann auch seine Publikation 1966 im renommierten Journal of Cell Biology. Hier beschrieb er, dass Plasmodien die sich in Kultur asynchron teilen, nach Fusion die erste Zellteilung synchron machen können und postulierte erstmals einen „gemeinsamen“ Faktor, der für die Synchronisation und Initiation der Mitose verantwortlich sein könnte.

In dieser Zeit arbeiteten befreundete Kollegen an analogen Fragestellungen in Tetrahymena pyriformis (Erik Zeuthen am Biological Laboratory der Carlsberg Foundation in Kopenhagen) und in Schizzosacharomyces pombe (John Murdoch Mitchison in Edinburgh, dieser war auch der Doktorvater von Paul Nurse, der 1977 auch zwei Wochen bei Sachsenmaier im Labor in Innsbruck arbeitete). Die Arbeiten von Sachsenmaier, Mitchision und Zeuthen antizipierten deshalb bereits sehr früh das Modell der Zellzyklusregulation durch cdc-Kinasen (Paul Nurse, Timothy Hunt und Kim Nasmyth). Hervorzuheben ist, dass 2001 Leland Hartwell, Timothy Hunt Hunt und Sir Paul Nurse dafür den Nobelpreis für Medizin und Physiologie erhielten.

Geprägt durch das Umfeld der onkologischen Medizin in Innsbruck erforschte er in seiner letzten Schaffungsperiode dann die Wirkung von Röntgenstrahlen auf die Zellzyklusregulation in Physarum polycephalum sowie die Regulation der sogenannten „salvage pathway Enzyme“ der DNA-Bausteinsynthese (dThd-Kinase, dCd-Kinase).

em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier war immer bemüht die Scientific Community zu prägen und ForscherInnen aus aller Welt für Zellzyklusforschung zu begeistern und sie in ein internationales Netzwerk zu integrieren. In dieser Mission organisierte er zahlreiche nationale und internationale Kongresse oder Laborkurse.

Besonders hervorzuheben wären hier z.B. das International Physarum Meeting in Innsbruck und Seefeld, die Jahrestagung der Gesellschaft der deutschen Naturforscher und Ärzte (1978) in Innsbruck, aber auch die vielen Jahrestagungen der Österreichischen Biochemischen Gesellschaft in Innsbruck. Er war Mitveranstalter zahlreicher Cell Cycle Workshops in Salamanca und Heidelberg und im Februar 2001 organisierte er mit Unterstützung der EU den European Cell Cycle Congress in Mayrhofen/Zillertal. Bemerkenswert war, dass er und seine InstitutskollegInnen intuitiv aber auch mit tiefer Kenntnis der Wichtigkeit dieser Forschungsergebnisse, Tim Hunt und Paul Nurse zu Plenarvorträgen einluden, noch bevor bekannt wurde, dass diese zu den späteren Nobelpreisträgern gehören werden, wie oben bereits erwähnt.

Entsprechend seiner international beachteten Tätigkeit war em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier auch Mitherausgeber und Mitglied des Editorial Board von Cell Biology International und dem European Journal of Cell Biology.

Sein Engagement für wissenschaftliche Erkenntnisse zur Heilung von Krebs war ein sozial sehr aktiv gelebtes, auch als langjähriger Vorstand der Österreichischen Krebsgesellschaft Sektion Tirol. In dieser Funktion gelang es ihm immer wieder im Rahmen des Onkologischen Kolloquiums und zusammen mit unseren onkologischen Sonderforschungsbereichen in Innsbruck, international herausragende ForscherInnen und NobelpreisträgerInnen zu Vorträgen und Gesprächen nach Innsbruck zu bringen, was eine unglaubliche Stimulation und Befruchtung unserer Scientific Community bewirkte.

em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier war aber auch ein bekannter internationaler Sportler und nahm 1952 und 1960 als Sportschütze erfolgreich an den olympischen Sommerspielen teil.  Er war ein Pionier im österreichischen und Tiroler Schützenwesen und Bundesoberschützenmeister des Österreichischen Schützenbundes und Mitglied der Akademischen Schützengilde und  bei der Schützengilde Kufstein.

Mit em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Wilhelm Sachsenmaier ist ein Großer von uns gegangen, der bis zuletzt an unserem akademischen Leben aktiv teilgenommen hat und den wir vermissen.

Der Familie sprechen wir unser Beileid und tiefes Mitgefühl aus. Wir werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren.

 

Univ.-Prof. Dr.med.univ. Lukas A. Huber

Univ.-Prof. Dr. Peter Loidl

ao.Univ.-Prof. Dr.med.univ. Stephan Geley

© Medizinische Universität Innsbruck - Alle Rechte vorbehaltenMail an i-master - Publiziert am: 20.4.2017, 09:18:00ximsTwitter LogoFacebook Logo