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Weißt Du, wo die ÄrztInnen sind? - Vielschichtige Antworten auf eine dezidierte Frage

Der Saal im Hypo Tirol Center in Innsbruck war Mitte März bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter dem Titel „Weißt Du, wo die ÄrztInnen sind? Einst begehrt, heute oft unbesetzt: ÄrztInnenstellen an Kliniken“ hatte ALUMN-I-MED Präsident em.Univ.-Prof. Dr. Raimund Margreiter zur Diskussion geladen. Eine hochkarätig besetzte Gesprächsrunde erörterte am Podium Hintergründe und Lösungsansätze.

Die am 12. März im Hypo-Saal abgehaltene ALUMN-I-MED Diskussion  über aktuell unbesetzte Klinikstellen stieß augenscheinlich auf größtes Interesse - bei Ärztinnen und Ärzten genauso wie bei Studierenden und JournalistInnen. „Noch vor zehn Jahren gab es 15 bis 20 BewerberInnen für jede frei werdende öffentliche Stelle, heute sind es ein bis zwei InteressentInnen “, formulierte Prof. Margreiter sein Eingangsstatement nach der Begrüßung der zahlreichen Gäste, die auch von Hypo-Hausherr Mag. Johann Kollreider herzlich willkommen geheißen wurden.

Bereits vor einem Jahr diskutierten ExpertInnen auf Einladung von ALUMN-I-MED über Ursachen und Lösungsmöglichkeiten eines drohenden ÄrztInnenmangels in ländlichen Regionen.  Ein ähnliches Szenario zeichnet sich nun auch für klinische Zentren im urbanen Raum ab – zumindest deuten Ergebnisse der im Auftrag von Ärztekammer, Gesundheits- und Wissenschaftsministerium durchgeführten und 2012 präsentierten Ärztebedarfsstudie darauf hin. Darin wird  bis 2030 ein Fehlen von 3.000 bis 7.600 ÄrztInnen prognostiziert. Vor dem Hintergrund, dass Österreich derzeit noch eine der höchsten ÄrtztInnendichten aufweise (4,7 praktizierende ÄrztInnen auf 1.000 EinwohnerInnen), gab Prof. Margreiter zu bedenken, dass die Diskussion weniger unter dem Sammelbegriff  „ÄrztInnenmangel“ als vielmehr unter dem Titel der „Attraktivität von Klinikstellen“ geführt werden sollte. Unter der Moderation von ALUMN-I-MED Vorstandsmitglied, Univ.-Prof. Dr. Christoph Brezinka, debattierten schließlich Philipp Lichtenberger (ÖH-Referent für Bildungspolitik und Öffentlichkeitsarbeit), Dr. Christian Wolfgang Denecke (Universitätsklinik für Visceral, Transplantations- und Thoraxchirurgie), OA Dr. Stefan Kastner (Krankenhaus St. Vinzenz, Zams; Vizepräsident der Tiroler Ärztekammer), Mag. Stefan Deflorian (Vorstandsdirektor TILAK) und die  Vizerektorin für Personal, Personalentwicklung und Gleichbehandlung der Medizinischen Universität Innsbruck, Univ.-Prof.in Dr.in Helga Fritsch, über aktuelle Rahmenbedingungen und mögliche Verbesserungsmaßnahmen für angehende und praktizierende MedizinerInnen an Kliniken.

Der steigende Bedarf an hochqualifizierter ärztlicher Versorgung ist unbestritten und korreliert einerseits mit dem medizinischen Fortschritt, sowie mit demographischen Entwicklungen, wie der Überalterung der Bevölkerung und damit der Zunahme altersbedingter Erkrankungen sowie auch einem Anstieg chronischer Krankheiten. Den Arztberuf wieder attraktiver zu gestalten ist eine der großen Aufgaben der Gesundheitspolitik, zumal der prognostizierte ÄrztInnenmangel u.a. auf unbefriedigende Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, anstehende Pensionierungen, den steigenden Anteil weiblicher MedizinerInnen inklusive Karenzzeiten und flexibler Arbeitszeitmodelle sowie generationspezifische Berufsansprüche zurückgeführt wird.

Faktor Ausbildung
Um den Standort Österreich für Medizin-AbsolventInnen wieder attraktiver zu machen, gelte es vor allem, die postpromotionelle Ausbildungsbedingung weiter zu verbessern, so die Forderung der DiskussionsteilnehmerInnen. Neben der Straffung der FachärztInnenausbildung habe vor allem die in Österreich vorgeschriebene dreijährige Turnusausbildung hohen Verbesserungsbedarf, dem mit der Entlastung von nicht-ärztlichen oder administrativen Tätigkeiten bzw. einer effizienteren und spezifischeren Ausbildungssituation begegnet werden müsse, meinte etwa der Vizepräsident der Tiroler Ärztekammer, Dr. Stefan Kastner. „Den klinischen Praktika kommt an der Medizinischen Universität Innsbruck schon während des Studiums großes Augenmerk zu“, verwies Vizerektorin Univ.-Prof.in Helga Fritsch auf das letzte Studienjahr, das seit dem Wintersemester 2007/08 erstmals in Innsbruck als  `Klinisch-Praktisches-Jahr´ (KPJ) geführt und nach großem Erfolg bald an allen österreichischen Medizinunis implementiert wird. Als weiteres innovatives Signal in Richtung Effizienz nannte Vizerektorin Fritsch den seit Herbst 2011 in Innsbruck etablierten Clinical PhD, der den AbsolventInnen als berufsbegleitender Studiengang eine Verbindung von Klinik und Forschung ermögliche. In der Vermehrung der Studienplätze und einer Aufweichung der Zulassungsbestimmungen sieht Prof.in Helga Fritsch keine zielführende Maßnahme, zumal Österreich auch bei der Anzahl der Medizin-AbsolventInnen im europäischen Spitzenfeld liege: „Das Aufnahmeverfahren hat sich im Sinne eines höheren Outputs an Medizin-AbsolventInnen jedenfalls bewährt. Der Verlängerung der Quotenregelung, die österreichischen MaturantInnen 75 Prozent der Medizinstudienplätze garantiert, kommt daher besonderes Gewicht zu“.

Faktor Gehalt
Auch wenn das Einstiegsgehalt in Österreich schlechter als in Deutschland und der Schweiz ist, und somit viele einem verlockenderen Angebot aus dem Ausland folgen würden, sei das Geld nicht als zentrales Element in der aktuellen Problematik zu sehen. Darüber war man sich in der Diskussionsrunde relativ einig. „Die Wettbewerbsfähigkeit bei den Einstiegsgehältern junger ÄrztInnen sollte jedoch verbessert, die Wertschätzung der ärztlichen Tätigkeit innerhalb der Klinik allgemein erhöht werden“, betonte allerdings Mag. Deflorian als Vorstandsdirektor der TILAK, wo derzeit drei Prozent der ÄrztInnenstellen unbesetzt bzw. im Nachbesetzungsverfahren sind. Dr. Christian Wolfgang Denecke, Chirurg aus Deutschland und derzeit Assistenzarzt an der Universitätsklinik für Visceral-,Transplantations- und Thoraxchirurgie, zitierte dazu eine aktuelle ÄrztInnenbefragung, wonach das Gehalt erst an achter Stelle der wichtigsten Berufsfaktoren rangiere. Im direkten Vergleich mit seiner vorhergehenden Arbeitsstelle an der Berliner Charité punkte Österreich zudem mit einem 13. und 14. Monatsgehalt, Poolgeldbeteiligung, Zulagen für Nachtdienste und der Möglichkeit des Zeitausgleichs.

Faktor Arbeitsbedingungen
Mehr noch als lange Arbeitszeiten oder niedrige Gehälter wird von den angestellten ÄrztInnen der hohe bürokratische Aufwand als einer der größten Störfaktoren im klinischen Alltag empfunden. Rund 40 Prozent der ärztlichen Arbeit müssen aufgrund gesetzlicher Vorgaben für die Dokumentation aufgewendet werden. Eine Attraktivergestaltung der spitalsärztlichen Tätigkeit hänge im besonderen Maße von einer dringend notwendigen Entlastung der Ärztinnen und Ärzte von Verwaltungs- und Dokumentationsaufgaben und anderen arztfremden oder delegierbaren Tätigkeiten ab, betonten vor allem Ärztekammer-Vizepräsident Kastner und  TILAK-Chef Deflorian. Einzelne Pilotversuche, etwa an der Neurologie oder an der Inneren Medizin, die Situation durch Dokumentationsassistenten zu entlasten, werden diesem Anspruch bereits gerecht.

Faktor Frauenanteil

Der Frauenanteil in der Medizin steigt kontinuierlich an. So sind heute rund zwei Drittel der österreichischen  erstinskribierten Medizinstudierenden weiblich,  mehr Frauen als Männer schließen das Medizinstudium ab, der Anteil der weiblichen TurnusärztInnenschaft beträgt 60, jener der praktizierenden ÄrztInnenschaft 44 Prozent. Die Spitäler müssen also auch mit entsprechenden Teilzeit-, Karenz und Kinderbetreuungsangeboten reagieren. Die Forderung von Vizerektorin Univ.-Prof.in Fritsch nach einer Neustrukturierung und Anpassung von Arbeitszeit- und Karrieremodellen wurde am Podium entsprechend mitgetragen: „Damit Familie und Beruf unter einen Hut gebracht werden und Frauen auch vermehrt in Führungspositionen präsent sein können, müssen Angestelltenverhältnisse flexibel und zeitgemäß gestaltet werden, etwa durch Laufbahnstellen, wie sie an der Medizinischen Universität Innsbruck seit 2011 angeboten werden, oder durch stetige Verbesserungen beim Wiedereinstieg“.

Faktor Generation Y
Hohes Selbstbewusstsein, Bereitschaft zur Mobilität - welche von ÖH-Vertreter Lichtenberger als mitverantwortliche Komponente für die Abwanderung von jungen AbsolventInnen genannt wurde -, geänderte Leistungsansprüche und der Wunsch nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance kennzeichnen die Generation Y, aus der sich auch die BewerberInnen für den medizinischen Arbeitsmarkt rekrutieren.  Höhere Ansprüche an die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zeigen nicht nur Frauen, sondern auch Männer. „Die Lebensqualität steht heute oft vor dem beruflichen Erfolg“, weiß etwa Dr. Denecke aus einer aktuellen ÄrztInnenbefragung.

(D. Heidegger)

 

margreiter_1 ALUMN-I-MED Präsident em.Univ.-Prof. Raimund Margreiter begrüßte zahlreiche interessierte Gäste.
brezinka_2 ALUMN-I-MED Vorstandsmitglied, Univ.-Prof. Dr. Christoph Brezinka, moderierte die Diskussion.
podium Angeregte Diskussion zu einem aktuellen Thema.
teilnehmer.jpg Alle TeilnehmerInnen auf einen Blick. v.l.:

Univ.-Prof. Dr. Christoph Brezinka (ALUMN-I-MED Vorstandsmitglied), Mag. Johann Kollreider (Vorstandsmitglied HYPO TIROL BANK), Philipp Lichtenberger (ÖH-Referent für Bildungspolitik und Öffentlichkeitsarbeit), Univ.-Prof.in Dr.in Helga Fritsch (Vizerektorin für Personal, Personalentwicklung und Gleichbehandlung, Medizinische Universität Innsbruck), Univ.-Prof. Dr. Dr.h.c. Raimund Margreiter (ALUMN-I-MED Präsident), Dr. Christian Wolfgang Denecke (Universitätsklinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie, Innsbruck), OA Dr. Stefan Kastner (Krankenhaus St. Vinzens Zams und Vizepräsident der Tiroler Ärztekammer, Mag. Stefan Deflorian (Vorstandsdirektor TILAK)

 

Links:

ALUMN-I-MED
https://www.i-med.ac.at/alumn-i-med/

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