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Wissenschaftlicher Nachweis gelungen: Kunst trifft Medizintechnik

Ao.Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner, DI (FH) Rocco Weigel, PD Dr. Wolfgang Recheis, Mag. Ing. Paul Eichberger M.Sc., Dr. Helmuth Oehler (Schloß Ambras), Dr. Michael Verius (v. li. nach re.)

14.1.2013

In der Wunderkammer von Schloss Ambras befinden sich Menschenbilder, die zu wissenschaftlichen Diskussionen anregen: Bemerkenswert ist beispielsweise die Darstellung von Gregor Baci, ein schwer verletzter ungarischer Edelmann (16. Jh.). 2012 wurde in Anlehnung an dieses Gemälde durch drei kooperierende Innsbrucker Universitätskliniken ein Schädelmodell entwickelt. Der Kunsthistoriker Dr. Helmuth Oehler bietet Führungen an.

Neben weiteren interessanten Bildnissen wird das Schädelmodell bei Gesprächen in der Ambraser Kunst- und Wunderkammer am 20. Jänner, 17. Februar, 17. März und 21. April 2013 vorgestellt. Die Kunst- und Wunderkammer auf Schloss Ambras befindet sich in dem dortigen ab 1572 erbauten Museumsgebäude. Der Bauherr und Sammler, der Tiroler Landesfürst Erzherzog Ferdinand II. (1529–1595), ist in seiner „wunderwürdigen Raritaeten Kammer“ durch ein Porträt aus der Zeit um 1575 präsent.
Das ebenfalls hier positionierte Porträt des ungarischen Edelmannes Gregor Baci schuf eine unbekannter Maler in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts: Eine Lanze bohrte sich beim Turnier (oder beim Kampf gegen die Osmanen) durch das rechte Auge und den Schädel des Dargestellten. Trotz dieser Verletzung soll Baci weitergelebt haben. Dass dies den Tatsachen entspricht, konnte nun wissenschaftlich nachgewiesen werden.

Moderne Medizintechnik erlaubte Rekonstruktion
Seit Mai 2012 befindet sich unmittelbar vor diesem Bildnis des Schwerverletzten ein Schädelmodell, das in Anlehnung an das bemerkenswerte Gemälde entstand. Das Modell ist das Ergebnis der Zusammenarbeit der Innsbrucker Universitätsklinik für Radiologie (PD Dr. Wolfgang Recheis und Dr. Michael Verius), der Universitätsklinik für Strahlentherapie - Radioonkologie (Mag. Ing. Paul Eichberger M.Sc. und DI (FH) Rocco Weigel) sowie der Universitätsklinik für Neurochirurgie (Ao.Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Eisner).
Zur Produktion dieser 3D-Rekonstruktion wurden die in der Computertomographie erhobenen Daten eines passenden, anonymisierten PatientInnenschädels für ein entsprechendes Modell verwendet. Da die Schädeldecke fehlt, kann der Betrachter den Weg der Lanze im Inneren des Schädels nachvollziehen. In der Computer-Simulation konnten die Wissenschafter feststellen, dass die Verletzung durch viel Glück keine Gehirn-Areale betroffen hatte, da die spitze Lanze das Gehirn zur Seite drängte und sich dann unterhalb dessen ihren Weg durch den Schädel bahnte. Mit großer Wahrscheinlichkeit litt daher der „Patient“ Gregor Baci trotz dieser markanten Verletzung unter keinen wesentlichen Beeinträchtigungen. Wenn keine Sepsis auftrat, konnte er rein anatomisch betrachtet, ein oder mehrere Jahre überleben.

Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftsdisziplinen
Die Positionierung dieses Schädelmodells in der historischen Ambraser Kunst- und Wunderkammer stellt eine sehr gelungene Zusammenarbeit verschiedenster Wissenschaftsdisziplinen dar. Zudem verbindet die besondere Plastik eine „Verletzungsaufnahme“ des 16. Jahrhunderts mit der medizinisch-technischen Gegenwart. Es zeigt auch die Entwicklung der Medizin: Bestand die „Behandlung“ im 16. Jahrhundert vermutlich lediglich im Absägen der Lanzenteile, so verweist die 3D-Rekonstruktion auf aktuelle Diagnosemöglichkeiten und Rekonstruktionstechniken bei derartigen Verletzungen an der Medizinischen Universität Innsbruck. An den Innsbrucker Universitätsklinik kommen solche Modelle bei präoperativen Planungen etwa bei Fehlbildungen, bei kieferchirurgischen Fragestellungen und vor Eingriffen bei Gefäßmissbildungen zum Einsatz. Sie dienen auch zur Klärung komplexer Fragestellungen der Plastischen und Neuro-Chirurgie, sowie zur Produktion eines Implantates, mit dem ein offener Schädel nach einem Unfall (etwa einem Sturz beim Mountainbiken im alpinen Gelände) geschlossen werden kann.

Rundgänge
Bei einem spannenden Rundgang durch die temperierten Räume der Kunst- und Wunderkammer präsentiert der Kunsthistoriker Dr. Helmuth Oehler bemerkenswerte Bildnisse von „Schönen, Intellektuellen und – Biestern“. Dabei wird auch die 2012 durch die Kooperation dreier Innsbrucker Universitätskliniken generierte 3D-Rekonstruktion zum Porträt des ungarischen Edelmanns Gregor Baci vorgestellt.

Sonntag,  20. Jänner | 17. Februar | 17. März | 21. April 2013
Beginn: jeweils 13.30 Uhr
Information:
Dr. Helmuth Oehler, www.helmuth-oehler.at, helmuth.oehler@hotmail.com
Kunsthistorisches Museum Sammlungen Schloss Ambras | T + 43 1 52524-4802 | www.khm.at/ambras

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BILDUNTERSCHRIFT: 3D-Rekonstruktion: Das Schädelmodell generierten 2012 Universitätskliniken in Anlehnung an das Porträt von Gregor Baci. – 3D-Rekonstruktion, Innsbrucker Universitätskliniken, 2012, Gips, Farbe, Kleber, Kunsthistorisches Museum Sammlungen Schloss Ambras. Foto: Dr. Helmuth Oehler, Innsbruck.

(Helmuth Oehler, B. Hoffmann)

Dr. Helmuth Oehler bedankt sich bei Herrn Wolfgang PD Dr. Wolfgang Recheis (Universitätsklinik für Radiologie) und Herrn Mag. Ing. Paul Eichberger M.Sc. (Universitätsklinik für Strahlentherapie – Radioonkologie) für die hilfreichen, höchst informativen und sehr angenehmen Gespräche. Sein Dank gilt aber auch seinen Fachkolleginnen: Frau Dr. Veronika Sandbichler, Direktorin der Sammlungen Schloss Ambras, stellte Bildmaterial zur Verfügung. Frau Mag. Margot Rauch, Stellvertretende Direktorin der Sammlungen Schloss Ambras, gab kompetente Hinweise: Sie hat sich mehrfach wissenschaftlich fundiert nicht nur mit den Ambraser Haarmenschen, sondern auch mit dem im Text erwähnten Bildnis eines behinderten Mannes als Objekt in den Ambraser Sammlungen auseinandergesetzt (u. a. 2006 und 2007).

© Medizinische Universität Innsbruck - Alle Rechte vorbehaltenMail an i-master - Publiziert am: 14.1.2013, 16:54:00ximsTwitter LogoFacebook Logo