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Wissenschaftspreis für Schmerztherapie-Forschung

Für seine Habilitationsschrift zur Relevanz des Kiefer-Kau-Systems bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von chronischen Schmerzsyndromen wurde Priv.-Doz. Dr. Michael J. Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Muskelgrundlagenforschung an der Universitätsklinik für Orthopädie (Direktor: Univ.-Prof. Dr. Martin Krismer) kürzlich von der Deutschen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation ausgezeichnet.

Im Rahmen des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation wird regelmäßig der Preis der Dr. Heinz und Helene Adam Stiftung für hervorragende wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Physikalischen Medizin und Rehabilitation sowie klassische Naturheilverfahren vergeben. Der mit 5.000 Euro dotierte Wissenschaftspreis ging in diesem Jahr an Priv.-Doz. Dr. Michael J. Fischer, der in einer kumulativen Habilitationsschrift  (eine tierexperimentelle und vier klinische Studien) die Rolle des kraniomandibulären Systems (Kiefer-Kau-System) bei der Schmerzmodulation beschreibt.

Interaktion von Kiefer-Kau-System und Schmerzverarbeitung

Der chronische Schmerz stellt für Betroffene ein großes emotionales, soziales und finanzielles Problem dar. Die neurophysiologischen Mechanismen der Schmerzmodulation und Schmerzchronifizierung sind noch nicht ausreichend erforscht und müssen erst besser verstanden werden um daraus neue Ansatzpunkte für eine gezielte Therapie zu erhalten. „Das Kiefer-Kau-System besitzt wichtige Aufgaben bei der Aufnahme und Verarbeitung von Nahrung, bei verbaler und non-verbaler Kommunikation und bei der Atmung. Erstaunlich erscheint die Möglichkeit, dass es die Schmerzempfindung an anatomisch weit entfernten Regionen beeinflussen könnte oder kausal an einer Chronifizierung von Schmerzen beteiligt sein könnte“, erklärt Priv-Doz. Fischer sein Forschungsinteresse. Aktuelle Studien weisen auf modulatorische Funktionen des Kiefer-Kau-Systems in der Schmerzverarbeitung hin und zeigen, dass Störungen in diesem System (CMD, craniomandibuläre Dysfunktion) eine Schmerzchronifizierung begünstigen können.

In seiner Arbeit gelingt es Priv.-Doz. Fischer nun, weiter Belege für die Interaktion zwischen dem Kiefer-Kau-System und  der Schmerzverarbeitung zu präsentieren sowie konkrete neue Erkenntnisse zu gewinnen. So korreliert etwa die Intensität extrakranieller Schmerzen (Schmerzen an Körperregionen mit Ausnahme des Kopfes) linear mit dem Ausmaß einer Dysfunktion im Kiefer-Kau- System. Auch einseitige schmerzhafte Beschwerden am Bewegungsapparat können durch pathologische Funktionsbefunde im ipsilateralen (auf derselben Seite) Kiefer-Kau-System bedingt sein. Außerdem belegen die Untersuchungen, dass die Nahrungsmittelkonsistenz einen signifikanten Einfluss auf die Schmerzverarbeitung hat und chronische Schmerzen auf supraspinaler Ebene positiv beeinflusst werden. Zudem beträgt die CMD-Prävalenz bei PatientInnen mit einem chronischen komplex-regionalen Schmerzsyndrom Typ 1 (neurologisch-orthopädisch-traumatologischen Erkrankung) 100 Prozent.

Neue Behandlungsperspektiven

Aus den gewonnenen Erkenntnissen eröffnen sich für die präventive und rehabilitative Therapie chronischer Schmerzen neue Perspektiven. „Mit der frühzeitigen Erkennung einer Dysfunktion im kraniomandibulären System bei extrakraniellen schmerzhaften Zuständen, kann mittels Interventionen am kraniomandibulären System ein möglicher Krankheitsverlauf verhindert werden“,  erklärt Priv.-Doz. Fischer.

Inwieweit Behandlungsmöglichkeiten von extrakraniellen Schmerzsyndromen über Interventionen am Kiefer-Kau-System einer Chronifizierung entgegen wirken können, wird Gegenstand weiterer Forschungen sein.

(D.Heidegger)

 

Links:

Fischer MJ, Riedlinger K, Schoser M, Bernateck M. Perceived Pain and Temporomandibular Disorders in Neuromuscular Diseases. Muscle Nerve 2009;40:595–602.
http://dx.doi.org/10.1002/mus.21309

Fischer MJ, Reiners A, Kohnen R, Bernateck M, Gutenbrunner C, et al. Do occlusal splints have an effect on complex regional pain syndrome? A randomized, controlled proof-of-concept trial. Clinical Journal of Pain. 2008 Nov-Dec;24(9):776-783.
http://dx.doi.org/10.1097/AJP.0b013e3181790355 

Fischer MJ, Riedlinger K, Gutenbrunner C, Bernateck M. Influence of the temporomandibular joint on range of motion of the hip joint in patients with complex regional pain syndrome. Journal of manipulative and physiological therapeutics 2009;32:364-71.
http://dx.doi.org/10.1016/j.jmpt.2009.04.003

Fischer MJ, Gutenbrunner C, Fink M. Functions of the temporomandibular system in extracranial pain conditions: Modulatory Effects on Nocifensive Behaviour in an Animal Model.  European Journal of Pain 13 (2009) S65, 197.
http://dx.doi.org/10.1016/S1090-3801(09)60200-7

Univ.-Klinik für Orthopädie
https://www.i-med.ac.at/patienten/ukl_orthopaedie.html

Deutsche Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation e.V.
http://www.dgpmr.de/

© Medizinische Universität Innsbruck - Alle Rechte vorbehaltenMail an i-master - Publiziert am: 17.10.2012, 09:39:00ximsTwitter LogoFacebook LogoInstagram LogoYoutube Logo