Gemeinsame Medieninformation der tirol kliniken und der Medizinischen Universität Innsbruck
Nicht zu wenige Organe sondern zu viele verworfene
AUSTROTRANSPLANT 2026: Innsbruck diskutiert den Umbruch in der Transplantationsmedizin
Zwei Drittel aller Organe, die grundsätzlich für eine Transplantation infrage kämen, werden nie transplantiert. Selbst von den bereits entnommenen Organen wird noch rund ein Drittel verworfen. Für die Innsbrucker Transplantationsmedizin liegt genau darin der größte Hebel: Neue Konservierungstechnologien, Künstliche Intelligenz in der Organbeurteilung und die ersten klinischen Xenotransplantationen könnten die Versorgungslücke bei Organen schließen. Von 14. bis 16. Oktober 2026 ist Innsbruck Gastgeber der AUSTROTRANSPLANT, der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Transplantation, Transfusion und Genetik.
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Die beiden Zahlen beschreiben zwei Stufen desselben Problems. Zählt man alle Organe, die theoretisch für eine Transplantation zur Verfügung stünden, bleiben rund zwei Drittel ungenutzt. Betrachtet man nur jene Organe, die bereits entnommen wurden, wird noch immer etwa ein Drittel verworfen. Wie groß diese zweite Lücke genau ist, hat ein Innsbrucker Forschungsteam um Alexander Kofler und Stefan Schneeberger im August 2026 im Fachjournal Transplant International beziffert. Von 100.260 im Eurotransplant-Raum gemeldeten Organen wurden 32.242 nicht transplantiert, das sind 32,16 Prozent. Gut 16 Prozent aller gemeldeten Organe wurden für eine Transplantation sogar bereits akzeptiert, dann aber nicht verwendet. Die Arbeit zeigt außerdem, dass die Gesetzeslage in den meisten Eurotransplant-Ländern kaum regelt, was mit diesen Organen geschehen darf. In Österreich haben die Ergebnisse zu einer Novelle des Organtransplantationsgesetzes beigetragen.
Genug Organe vorhanden
„Wir müssen aufhören, immer nur zu sagen, wir haben zu wenige Organe. Das stimmt so nicht. Es gibt genug Organe, aber es werden zu viele verworfen. Der Grund ist meist, dass in sehr kurzer Zeit entschieden werden muss, ob ein Organ passt. Das muss sich ändern, und es wird sich ändern, weil wir Zeit gewinnen. Zunächst war dieser Zeitgewinn vor allem einer für die Teams und für die Empfängerinnen und Empfänger, die nicht mehr innerhalb von Minuten in der Klinik stehen müssen. Heute nutzen wir ihn zunehmend für die Beurteilung. Wir können ein Organ untersuchen, seine Funktion messen und es sogar behandeln, bevor wir uns entscheiden“, sagt Stefan Schneeberger, Direktor der Universitätsklinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie der Medizinischen Universität Innsbruck und der tirol kliniken.
Möglich macht das eine Technik, die in Innsbruck für die Leber längst Routine ist: die Maschinenperfusion. Für die Niere wird derzeit an entsprechenden Geräten gearbeitet, wobei zwei einander ergänzende Wege verfolgt werden. Das Abkühlen auf Temperaturen unter null Grad erlaubt eine längere Aufbewahrung, die normotherme Perfusion hält das Organ bei Körpertemperatur am Leben und macht es dadurch untersuchbar und behandelbar.
Betreut werden diese Organe an der Maschine in Innsbruck von der Pflege. Vorbereitung, Anschluss und laufende Überwachung der Perfusionsgeräte liegen vollständig in pflegerischer Verantwortung, ein Modell, das es in dieser Form an keinem anderen Zentrum weltweit gibt.
„Die enge Zusammenarbeit zwischen Chirurgie, Anästhesie und Pflege ermöglicht eine Rundumversorgung der Organe. Die Betreuung ist mittlerweile auch in die tägliche Routine integriert und die ‚Organvisite‘ eine Normalität geworden. Diese Aufgaben stellen eine Erweiterung des pflegerischen Spektrums und der Kompetenzen dar“, sagt Marion Frank, leitende Diplompflegerin der Transplant-Intensivstation. „An der Maschinenperfusion behandeln wir ein Organ ähnlich wie eine Patientin oder einen Patienten. Das Spenderorgan wird überwacht, es bekommt Medikamente, seine Werte werden dokumentiert und interpretiert, und wir reagieren, wenn sich etwas verändert.“
KI in der Transplantation
Eine zweite Entwicklung betrifft die Auswertung der Daten, die dabei anfallen. Ob ein Organ zu einer Empfängerin oder einem Empfänger passt, wurde bislang im Wesentlichen anhand von wenigen Daten und Laborparametern entschieden. Inzwischen stehen tausende Daten zur Verfügung, von genetischen Markern bis zu Stoffwechseldaten aus der Perfusion. Endgültig auswerten lässt sich diese Menge an Information nur noch mit Künstlicher Intelligenz. Denkbar ist künftig ein cloudbasiertes System, in dem alle Transplantationszentren sämtliche Daten zu einem Organ abrufen können, sodass das jeweils beste Organ der jeweils passendsten Patientin oder dem passendsten Patienten zugeteilt wird. Das würde auch die Organzuteilung selbst grundlegend verändern.
„Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter der Organtransplantation. Vergleichbar ist das mit der Einführung der Immunsuppression in den 80er- und 90er-Jahren, die damals eine regelrechte Initialzündung war“, sagt Gerald Brandacher, Tagungspräsident der AUSTROTRANSPLANT 2026 und Co-Direktor der Innsbrucker Universitätsklinik für Visceral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie der Medizinischen Universität Innsbruck und der tirol kliniken.
Von Tier zu Mensch
Ein weiteres Kongressthema ist die Xenotransplantation, also die Übertragung tierischer Organe auf den Menschen. Sie ist in den USA bereits in der klinischen Phase angekommen. Mit Leonardo Riella präsentiert einer der führenden Experten auf diesem Gebiet seine Ergebnisse in Innsbruck. Riella leitet die Nierentransplantation am Massachusetts General Hospital, Harvard Medical School in Boston und war 2024 an der weltweit ersten Übertragung einer genetisch veränderten Schweineniere auf einen lebenden Menschen beteiligt.
„Tirol ist ein international sichtbarer Standort der Transplantationsmedizin, und die AUSTROTRANSPLANT macht das einmal mehr deutlich. Der Erfolg hängt aber nicht an der Technik allein. Er ist die Leistung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Berufsgruppen, von der Chirurgie über die Pflege und die Anästhesie bis zum Labor und zur Logistik. Diesen Menschen gilt mein ausdrücklicher Dank. Wenn wir mit besserer Technik und besserer Beurteilung mehr Organe nutzbar machen, ist das ein unmittelbarer Gewinn für alle, die auf ein Organ warten“, sagt Cornelia Hagele, Landesrätin für Gesundheit, Pflege, Bildung, Wissenschaft und Forschung.
Zur AUSTROTRANSPLANT 2026 werden zwischen 400 und 500 Teilnehmende aus Medizin und Pflege erwartet. Der Kongress steht unter dem Motto „Developing Dialogue – Pioneering Practice – Reaching the Full Potential“. Es handelt sich um einen österreichischen Kongress mit internationaler Beteiligung.
Innsbruck, 14. Oktober 2026
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