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Ramon Tasan ist fasziniert von Neuropeptiden

Ramon Tasan und Rektor Gert Mayer bei der Vertragsunterzeichnung. (Foto: MUI/D. Bullock)
Ramon Tasan und Rektor Gert Mayer bei Unterzeichnung des Berufungsvertrags Anfang August 2026. (Foto: MUI/D. Bullock)

Ramon Tasan ist Professor für die Pharmakologie der Neuropeptide. Am Institut für Pharmakologie und Toxikologie untersucht er ein Phänomen, das allen gut bekannt, aber noch großteils unerforscht ist: Das Zusammenwirken von Angst und Nahrungsaufnahme. Dabei hat er mit Neurokinin B ein ganz bestimmtes Neuropeptid ins Auge gefasst, dessen Einfluss er genauer untersuchen möchte.

Wenn eine Maus Hunger hat, kommt sie todesmutig aus ihrem Loch hervor, ganz egal, wie sehr sie sich eigentlich vor der Katze fürchtet. Wenn sie satt ist, fehlt ihr der Antrieb nach Futter zu suchen und sich damit in Gefahr zu begeben. „Angsterkrankungen sind oft mit gestörter Nahrungsaufnahme assoziiert. Das kann Anorexie sein oder, dass Essen als Belohnung ausgenützt wird, um eine Situation zu verbessern“, gibt Ramon Tasan Beispiele. Er möchte wissen, wie das Ess- und Trinkverhalten mit Angstreaktionen beim Menschen zusammenhängt. Dafür beobachtet er, wie sich Mäuse verhalten und welche Geschlechtsunterschiede es gibt. „Wir sind den Mäusen ja sehr ähnlich. Die Gehirnkreisläufe sind die gleichen und Neurotransmitter und die Neuropeptide, die wir uns ansehen sind identisch.“, sagt der Professor für Pharmakologie der Neuropeptide am Institut für Pharmakologie und Toxikologie. Gert Mayer, der Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck hat Tasan mit Dienstantritt am 1. September 2026 auf den Lehrstuhl berufen.

Der aus Bregenz stammende Forscher ist bereits seit ihrer Gründung 2004 an der Medizinischen Universität Innsbruck tätig, zuvor hat er an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck Medizin studiert. Als er einen Turnusplatz in Vorarlberg angeboten bekam, entschied er sich innerhalb weniger Tage in Tirol zu bleiben und bei Günther Sperk am Institut für Pharmakologie und Toxikologie weiter zu forschen. Bald schon war er von Angst und von den Neuropeptiden – Botenstoffe, die direkt im Zellkörper von Nervenzellen gebildet werden – fasziniert. Er absolvierte sein PhD-Studium an der Med Uni und er habilitierte sich. Es ist ihm „wichtig zu wissen, wie etwas funktioniert, und dass es, wenn ich es dreimal mache auch dreimal funktioniert. Der Unterschied muss relevant sein und die Ergebnisse sollten eine Bedeutung für Menschen haben. Dann freue ich mich“, schildert der Forscher was ihn antreibt. Neben der Lehre, in die er stark eingebunden ist, arbeitet er gerade an einem vom FWF geförderten Projekt zur Erforschung der kooperativen Interaktion verschiedener Neuropeptide in der Aymgdala. Mit Francesco Ferraguti ist er zudem am großen, mehr als 30 Forschungsgruppen umfassenden FWF-Exzellenzcluster „Neuronal Circuits in Health and Diseases“ beteiligt, in dem er sich dem weitgehend unerforschten Gebiet der Neuropeptide widmet.

Vor allem das Neuropeptid Neurokinin B und seine Rolle bei Angst und Furcht möchte Tasan noch besser erkunden. „Es gibt schon zwei Medikamente in diesem System, die zugelassen sind: Eines wird bei Chemotherapie-induziertem Erbrechen eingesetzt, das andere gegen postmenopausale Hitzewallungen. Das erste deutet darauf hin, dass es mit Nahrungsaufnahme und Übelkeit in einer traumatischen, angsteinflößenden Situation zu tun hat, das zweite Medikament weist darauf hin, dass es bei männlichen und weiblichen Individuen unterschiedlich reguliert wird. Alles zeigt darauf, dass dieses Neuropeptid in der Integration von Angst und Essverhalten eine Rolle spielt.“ Tasan erklärt, dass Neuropeptide Neurotransmitter sind, die von Neuronen ausgeschüttet werden und an Rezeptoren binden, die dann wiederum den daran anschließenden (postsynaptischen) Nervenzellen, Signale vermitteln. Medikamente, so genannte Antagonisten, blockieren die Rezeptoren, sodass die Neuropeptide ihre Funktion nicht voll erfüllen können. „Neuropeptide haben modulierende Wirkung, die dadurch nicht ganz ausgeschaltet, aber abgeschwächt wird. Es gibt Neuropeptide, die sehr viel Potenzial haben und wichtige Medikamente, die wir jetzt wieder entdecken“, schildert der Neuropharmakologe. Die Abnehmspritze Ozempic gehöre dazu, oder auch die Gruppe der Opiate.

Bei der Untersuchung der Zusammenhänge von Angst und Stoffwechsel fokussiert er sich besonders auf die Amygdala und eine in weiten Teilen noch unerforschte Hirnregion, die Zona incerta, die zwischen Hypothalamus und Thalamus liegt. Um herauszufinden, was dort vor sich geht, schickt Ramon Tasan virale Vektoren mit einem Gen in bestimmte Hirnregionen, wo sie Zellen infizieren und dort das zusätzliche Gen produzieren. Mit zusätzlichen Substanzen, die er von außen gibt, kann er bestimmte Rezeptoren aktivieren, Gene an- und abschalten und beobachten, wie sich dadurch das Angstverhalten und die Nahrungsaufnahme verändert. „Zusätzlich haben wir physiologische Messapparate für die Verhaltens- und Lerntests. Mit neurochemischen Methoden kann man die Rezeptoren detektieren und schauen, welche Hormone aktiviert werden, welche Rezeptoren die haben, welche Gene exprimiert werden, wo sie hin projizieren und wie sie im Gehirn verschaltet sind“, sagt er.

Übergeordnetes Ziel all dieser Untersuchungen ist es, herauszufinden, wie und ob es möglich ist, das Angstgedächtnis und das so genannte Extinktionsgedächtnis mit Neuropeptiden zu beeinflussen. Unter Extinktionsgedächnis, auch Therapiegedächtnis genannt, versteht man das neue in einer Psychotherapie erlernte Verhalten bzw. die verlernte Angst. Während das Angstgedächtnis ein Leben gespeichert bleibe, werde das Extinktionsgedächtnis nach einiger Zeit schwächer und die Angst kehre zurück, wenn die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen nicht aufgefrischt werden.

„Wenn man diese Gedächtnisse von außen mit Medikamenten beeinflussen könnte, hätten wir die Chance, das Exktinktionsgedächtnis stärker oder permanent zu machen“, sagt Tasan, der einen großen Bedarf sieht, Menschen zu helfen, die unter Angststörungen leiden und deren Lebensqualität dadurch stark eingeschränkt ist. „Mit ein bisschen Erleichterung, mit einem Medikament, das wirkt, wäre schon vielen sehr geholfen.“ Er selbst möchte allerdings nicht so weit gehen und Substanzen entwickeln. Tasan will sich voll und ganz darauf konzentrieren, die grundlegenden Mechanismen zu klären. In seiner Freizeit findet der Vater eines Sohnes Ausgleich in seinem Garten, wo er seit mehr als 20 Jahren Tomaten züchtet. Die Arbeit überlässt er dann den Bienen und freut sich jedes Jahr wieder über überraschende Ergebnisse und neue bunt-gestreifte Früchte.

(14. September 2026, Text: T. Mair, Foto: MUI/D. Bullock)

Link:
Institut für Pharmakologie
FWF Cluster of Excellence: Neuronal Circuits in Health and Disease (en)