
Kunst auf der Chirurgie-Baustelle: SOLANGE-Slogan thematisiert mentale Gesundheit von Eltern
Die Fassade des markanten Chirurgie-Gebäudes in Innsbruck wird saniert –
und ist damit eine willkommene Ausstellungsfläche für Katharina Cibulka. Die Künstlerin sorgt mit dem SOLANGE-Projekt seit Jahren für Aufsehen auf Baustellen weltweit. Für den Slogan an der Chirurgie hat sich das Team des Projekts Healthy Minds mit ihr zusammengetan. Die Forscher:innen der Medizinischen Universität Innsbruck machen es sich zur Aufgabe, mehr Bewusstsein für psychische Erkrankungen von Eltern zu schaffen.
„Solange du meine Depression übersiehst, weil du Babyblues hörst, bin ich Feminist:in.“
Dieser Slogan, mit pinkem Tüll von Hand in ein 540 m2 großes Baustellennetz gestickt, prangt seit heute Früh an der Nordfassade des Chirurgie-Gebäudes der Innsbrucker Universitätskliniken. Die 34. Installation der internationalen SOLANGE-Serie macht auf ein großes Missverständnis aufmerksam: Babyblues und eine Depression, die Eltern in der Zeit um die Geburt ihres Kindes entwickeln können, sind nicht dasselbe. Bewusstsein dafür zu schaffen und Stigmata zu beseitigen, gehört zu den Zielen des vom FWF geförderten Projekts „Healthy Minds“, das Forscher:innen unter der Leitung von Jean Paul seit 2022 an der Medizinischen Universität Innsbruck durchführen. Die Tiroler Künstlerin Katharina Cibulka unterstützt mit dem feministischen SOLANGE-Kunstprojekt die Anliegen des „Healthy Minds“-Teams. Die Öffentlichkeit sowie Mitarbeiter:innen der tirol kliniken und der Med Uni Innsbruck waren eingeladen, sich an der Entwicklung des Slogans zu beteiligen. Aus rund 350 Einreichungen kreierten Cibulka und ihr Team den SOLANGE-Satz.

„Hauptziel von SOLANGE ist es, Menschen durch die Slogans zu sensibilisieren. Idealerweise finden sie sich im SOLANGE-Satz wieder und reden darüber. Als zweifache Mutter ist es mir ein großes Anliegen, dass ALLE Gefühle Platz bekommen, wenn es um’s Kinderkriegen geht. Hier darf es keinerlei Tabus geben“, sagt Katharina Cibulka. Der gewählte Slogan spiegelt diese Haltung und lässt gleichzeitig vielschichtige Interpretationen zu. „Emotionen von Frauen werden generell weniger ernst genommen, was für sie gesundheitsgefährdend sein kann. Väter sind gefordert, sich stärker einzubringen, aber auch ihre Gefühle zu äußern, wenn sie sich überfordert fühlen“, fügt sie erklärend hinzu.
Wie wirkt der SOLANGE-Slogan auf Sie? Unterstützen Sie die Forschung und füllen Sie den Fragebogen aus. (Zeitaufwand: ca. 3 Minuten)
Babyblues ist nicht Depression
Was häufig in verharmlosendem Ton als Babyblues bezeichnet wird, erleben bis zu 80 Prozent der Frauen in der Zeit nach der Geburt. Hervorgerufen wird der Babyblues durch hormonelle Veränderungen, Stress und Schlafmangel. Die Symptome können einer depressiven Verstimmung ähneln und belastend sein. Doch die charakteristischen Stimmungsschwankungen des Babyblues vergehen nach ein paar Tagen, spätestens zwei Wochen wieder von allein und ohne Therapie. „Es gibt Studien, die zeigen, dass Männer ebenfalls eine hormonelle Umstellung erleben, wenn sie Väter werden und eine ähnliche Babyblues-Symptomatik entwickeln können“, sagt Healthy Minds-Projektkoordinator Philipp Schöch.
Ganz anders verhält es sich bei einer so genannten peripartalen Depression, die bereits in der Schwangerschaft bis hin zu einem Jahr nach der Geburt auftreten kann, wie Christine Hörtnagl, Leiterin der Spezialsprechstunde Peripartale psychische Gesundheit, sagt: „Die depressiven Symptome oder Ängste vergehen nach einigen Tagen nicht von selbst wieder und es ist wichtig, dass betroffene Elternteile Zugang zu professioneller, therapeutischer Unterstützung erhalten. Jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann erkrankt im Zeitraum von der Schwangerschaft bis zum ersten Geburtstag des Kindes an einer Depression oder Angststörung.“ Die Ursachen dafür sind vielschichtig: Überlastung, Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen, eine bereits durchlebte psychische Erkrankung in der Vergangenheit oder die psychische Krankheit der Partnerin oder des Partners zählen zu den Risikofaktoren. Gesellschaftlicher Druck und stereotype Bilder von vermeintlich perfekten Müttern und Vätern, die auch auf Social Media verbreitet werden, können krank machen, genauso wie finanzielle Zwänge. Mit Aktionen wie dem SOLANGE-Kunstprojekt, verfolgt Healthy Minds das Ziel, Bewusstsein zu schaffen und zu entstigmatisieren.
Healthy Minds bildet Unterstützungsnetze
In einem Teil des an der Univ.-Klinik für Psychiatrie I (Direktor: Alex Hofer) angesiedelten Healthy Minds-Projekts befasst sich das Team außerdem mit den Versorgungsstrukturen: „Anlaufstellen sollen besser miteinander vernetzt werden, sodass psychisch belastete Eltern früh von Unterstützungsangeboten erfahren und diese niederschwellig in Anspruch nehmen können. Ein großes Anliegen ist uns auch die Einrichtung von Eltern-Kind-Betten in den psychiatrischen Kliniken und die Etablierung von aufsuchenden Diensten, so genanntes Home-Treatment“, sagt Jean Paul, Initiatorin des Healthy Minds-Projekts. Mit der Einrichtung der Spezialsprechstunde Peripartale psychische Gesundheit hat Healthy Minds einen Meilenstein erreicht. Betroffene Mütter und Väter erhalten dort nach telefonischer Terminvereinbarung rasch eine erste Diagnostik, ärztliche und psychologische Behandlung sowie Beratung, z.B. zu geeigneten Medikamenten in der Schwangerschaft und Stillzeit. Es ist keine ärztliche Überweisung notwendig.
Sanierung der Chirurgie-Fassade
Das Gerüst, das der SOLANGE-Kunstinstallation eine Bühne bietet, dient der aktuell laufenden Sanierung des Chirurgie-Gebäudes. Seit Februar dieses Jahres wird die Gebäudehülle umfangreich thermisch saniert. Anlass waren fehlerhafte Fassadenplatten, die nun vollständig getauscht werden und auch eine notwendige Dachsanierung. Mit dem umfassenden Fenstertausch, dem Entfernen der Glaserker und einer Aufrüstung beim windfesten Sonnenschutz wird das Gebäude nicht nur energieeffizienter, sondern auch hitze-fit in Zeiten steigender Temperaturen im Sommer.
Fit für Hitzetage
„Mit der umfassenden thermischen Sanierung des Gebäudes planen wir, rund ein Drittel des bisherigen Gebäude-Energiebedarfs einzusparen“, betont Roland Meixner, Abteilungsleiter der Bau und Technik in den tirol kliniken. „Der integrierte Sonnenschutz in den Fenstern kombiniert mit der thermischen Ertüchtigung der Gebäudehülle schafft auch einen Mehrwert für Hitzetage – das Gebäude wird sozusagen hitze-fit“. Auch eine etwas hellere Farbe der neuen Fassadenplatten soll der sommerlichen Überhitzung entgegenwirken. Die Sanierung erfolgt in zwei Phasen von Norden nach Süden und im laufenden Betrieb: Für den Fenstertausch werden stationsweise einzelne Zimmer gesperrt. Bis Ende 2027 sollen die Sanierungsarbeiten abgeschlossen sein. Insgesamt werden rund 25 Millionen Euro investiert.
Hard Facts Chirurgie-Sanierung
- Investitionsvolumen: ~25 Millionen Euro
- Reduktion Gebäude- Energiebedarf um ein Drittel durch thermische Ertüchtigung
- Aktuelle Sanierungsmaßnahmen
- Austausch der Fassadenplatten aus Faserzement
- Fenstertausch: Aluminium-Verbundfenster mit integriertem Sonnenschutz
- Rückbau der Glaserker an der Ostfassade
- Sanierung des Flachdaches: das derzeitige durchlüftete Kaltdach wird durch eine Warmdachkonstruktion mit Bitumenabdichtung ersetzt
(29. April 2026, Text: T. Mair/MUI, T. Lackner-Pöschl/tirol kliniken, Fotos: MUI/F. Lechner)
Weiterführende Links:
Healthy-Minds
Spezialsprechstunde Peripartale psychische Gesundheit:
E-mail: peripartale.gesundheit@tirol-kliniken.at
telefonische Terminvereinbarung (Mo bis Do, 10-12 Uhr) unter: (0512) 504 81632
Zu den Personen:
Jean Paul
Philipp Schöch
Katharina Cibulka und das SOLANGE-Kunstprojekt:
https://www.solange-theproject.com/
https://www.katharina-cibulka.com
@solange_theproject
Weitere Angebote für betroffene Eltern und Partner:innen:
Koordinationsstelle Peripartale Psychische Gesundheit (LIV Tirol)
Netzwerk Gesund ins Leben (Frühe Hilfen Tirol)
Mannsbilder
Klinisch- und Gesundheitspsychologische Beratung (Land Tirol)
Psychosoziale Zentren Tirol