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Das ungenutzte Potenzial digitaler Technologien bei Schizophrenie

Vom Smartphone zur Diagnose – Forscher:innen am Institut für Systemische Neurowissenschaften der Medizinischen Universität Innsbruck zeigen in einer systematischen Übersichtsarbeit, wie Smartphones und Wearables die Diagnostik und Vorhersage von Schizophrenie-Spektrum-Störungen revolutionieren könnten – und wo die aktuellen Grenzen liegen. Das Fachjournal npj Digital Medicine hat die Studie kürzlich veröffentlicht.

Vom Smartphone zur Diagnose – Forscher:innen am Institut für Systemische Neurowissenschaften der Medizinischen Universität Innsbruck zeigen in einer systematischen Übersichtsarbeit, wie Smartphones und Wearables die Diagnostik und Vorhersage von Schizophrenie-Spektrum-Störungen revolutionieren könnten – und wo die aktuellen Grenzen liegen. Das Fachjournal npj Digital Medicine hat die Studie kürzlich veröffentlicht.

Die Diagnose und Behandlung von Schizophrenie-Spektrum-Störungen (SSD) stellt die moderne Psychiatrie vor große Herausforderungen. Diagnosen basieren oft auf subjektiven klinischen Gesprächen, während Symptome im Alltag der Betroffenen stark schwanken können. Eine umfassende Studie unter der Leitung von Johannes Passecker am Institut für Systemische Neurowissenschaften (Direktorin: Sabine Liebscher) der Medizinischen Universität Innsbruck beleuchtet nun, wie „Digital Phenotyping“ – die digitale Vermessung des Verhaltens durch Smartphones und Fitness-Tracker – diese Lücke schließen kann. 

Die im renommierten Fachjournal npj Digital Medicine veröffentlichte Arbeit ist die erste systematische Analyse dieser Art. Das Forschungsteam untersuchte Daten aus zwei Jahrzehnten (2004–2024), um zu verstehen, ob digitale Spuren tatsächlich dabei helfen können, Diagnosen zu stellen oder psychotische Rückfälle vorherzusagen. 

Objektive Daten statt subjektiver Momentaufnahmen 

„Digital Phenotyping“ nutzt Daten, die wir täglich generieren: aktive Eingaben auf dem Smartphone (wie kognitive Spiele oder Stimmungstagebücher) und passive Daten von Sensoren (wie Bewegungsmuster, Schlafqualität oder Sprachanalysen). 

Die Analyse von 142 Studien mit über 6.000 Teilnehmenden, durchgeführt von Erstautor Ivan Vecchio, ergab ein klares Bild: Digitale Messungen können Patient:innen mit SSD deutlich von gesunden Kontrollgruppen unterscheiden. Besonders hervorzuheben sind dabei digitale kognitive Tests, die die stärkste Aussagekraft zeigten, gefolgt von Daten zu Verhalten und körperlicher Aktivität, die oft über Wearables gemessen wurden. 

Interessanterweise stimmten diese objektiven digitalen Daten oft nur schwach mit den traditionellen klinischen Fragebögen überein. Dies deutet darauf hin, dass digitale Technologien nicht einfach nur bestehende Tests kopieren, sondern neue Aspekte der Erkrankung erfassen, die eventuell im klinischen Gespräch oder in Fragebögen verborgen bleiben könnten. 

„Die Diagnose psychischer Erkrankungen gleicht heute oft einer Momentaufnahme: Wir sehen, wie es Patient:innen während des kurzen Arztbesuchs geht. Digitale Technologien ermöglichen uns hingegen, einen besseren kontinuierlichen Verlauf des Gesundheitszustandes zu sehen. Unsere Studie zeigt deutlich, dass wir durch Smartphones und Wearables objektive Marker für kognitive Leistung und Verhaltensmuster erhalten können, die im klinischen Alltag bisher weitgehend fehlen“, erklärt Johannes Passecker, Letztautor der Studie, die Bedeutung der Ergebnisse.

Vielversprechende Vorhersagen, aber fehlende Standards 

Ein weiterer Schwerpunkt der Studie lag auf der Vorhersage von psychotischen Rückfällen. Die Ergebnisse sind vielversprechend: Einige Modelle erreichten eine Genauigkeit von bis zu 80 Prozent, was einer hohen Vorhersagekraft entspricht. „Unsere Analyse zeigt eine enorme Bandbreite in der Qualität der Studien. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht von einzelnen Erfolgsmeldungen blenden lassen, solange die wissenschaftliche Basis so heterogen ist“, betont Passecker.

Die Publikation in npj Digital Medicine ist ein Weckruf. Um das volle Potenzial der digitalen Medizin für Menschen mit Schizophrenie zu nutzen, fordert das Innsbrucker Team standardisierte Berichtsrichtlinien und größere Langzeitstudien. Nur so können aus vielversprechenden Forschungsdaten verlässliche medizinische Anwendungen werden, die Patient:innen weltweit zugutekommen. 

(Innsbruck, 4. Februar 2026, Text: red, Bild: AdobeStock)

Forschungsarbeit:
Vecchio, I., Mifsud, L., Almeida, S. C., & Passecker, J. (2025). Diagnostic digital phenotyping in schizophrenia-spectrum disorders: a systematic reviewhttps://doi.org/10.1038/s41746-025-02194-w npj Digital Medicine. 

Johannes Passecker im Expert:innenverzeichnis
Institut für Systemische Neurowissenschaften

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