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In den westlichen Kulturen ist in den letzten Jahrhunderten das Essverhalten zunehmend normiert, verfeinert und rationalisiert worden. Essen als sinnliches Erlebnis tritt hinter der Notwendigkeit des schnellen Essens (Fast food) zurück. Gleichzeitig besteht ein Überangebot an Nahrung mit der sozialen Forderung nach Schlankheit. Während in vielen Kulturen Körperfülle als Zeichen von Wohlstand und Macht gilt, hat sich in den westlichen Kulturen im 20. Jahrhundert die Schlankheit, gerade des weiblichen Körpers, zu einem zentralen Thema in den Massenmedien entwickelt. Die an Frauen (und mittlerweile auch an Männer) herangetragenen Erwartungen führen zu erheblichen Störungen des Essverhaltens.
Das Ernährungsverhalten ist im Wesentlichen das Ergebnis von Erziehungs- und Umwelteinflüssen und nur in einem sehr geringen Maße durch Erbfaktoren bestimmt. Die Fütterung durch die Mutter ist die erste wesentliche menschliche Kommunikation des Säuglings. Wie sehr Ernährungsgewohnheiten Zeitphänomene sind, wird am Beispiel der Säuglingsernährung deutlich: Noch vor wenigen Jahrzehnten war ein strenger Fütterungsplan mit etwa 5 Mahlzeiten am Tag üblich, heute wird nach Bedarf gefüttert (gestillt), also je nach den vermuteten kindlichen Grundbedürfnissen. Dass sich hieraus auch zwangsläufig Änderungen des emotionalen Bezuges zwischen Mutter und Kind ergeben, bedarf keiner weiteren Erläuterung. In der weiteren Entwicklung haben Bezugspersonen innerhalb und außerhalb der Familie als Vorbilder (Identifikation) entscheidenden Einfluss auf das Ess- und Trinkverhalten. Es entwickelt sich ein Körperbild (Körperschema), das sehr stark gesellschaftlichen Idealvorstellungen unterworfen ist.
Die Überernährung mit einer übermäßigen Aufnahme von Fett, Zucker und Salz ist in den Industrieländern ein großes Problem. Übergewichtige zeigen eine erhöhte Sterblichkeitsrate: Personen mit 20 bis 30 % Übergewicht haben eine um 20 - 40 %, jene mit 50 - 60 % Übergewicht eine über 100 % erhöhte Mortalität.
Das Essverhalten kann man als Regelkreis beschreiben. Die Regelgröße Hunger wird gemessen und mit Soll-Werten verglichen, was voraussetzt, dass ein natürliches Erleben von Hunger- und Sättigungsgefühlen möglich ist.
Dieser „Set-Point“ wird vermutlich durch genetische und frühkindliche Ernährungseinflüsse festgelegt. Bei Abweichung von diesem Gewicht reagiert der Organismus mit Anpassungsmaßnahmen, also vermindertem oder vermehrtem Appetit bzw. erhöhtem oder vermindertem Energieumsatz. Der Organismus strebt nach einem natürlichen Gewicht. Diese Theorie erklärt die Tatsache, dass Menschen ihr Gewicht ohne bewusste Anstrengung über lange Zeiträume konstant halten.
Die Festlegung des Normalgewichtes ist nicht einfach, bis vor kurzem wurde es definiert als Broca-Referenzgewicht.
Normalgewicht nach Broca: Körpergröße minus 100, Idealgewicht bei Männern minus 10 % bzw. minus 15 % bei Frauen. Abgelöst wurde diese Gewichtseinteilung durch den Quetelet-Index (QI), der auch als „Body-Mass-Index (BMI)“ bezeichnet wird.
Beispiel: 70 kg, 170 cm: BMI 24,2
Im Bereich der Essstörungen sind drei Krankheitsbilder von Bedeutung: die Anorexia nervosa, die Bulimia nervosa und die Adipositas. Essstörungen sind Störungen der Nahrungsaufnahme und der Einstellung zur Nahrung. Sie sind begründet durch psychosoziale Konflikte, die in ungünstigen persönlichen und sozio-kulturellen Bedingungen wurzeln.
Differentialdiagnostisch müssen selbstverständlich somatische Ursachen eines Gewichtsverlustes abgegrenzt werden. Andere psychosomatische Krankheitsbilder mit Störungen des Essverhaltens sind das neurotisch bedingte Erbrechen und die anorektische Reaktion als vorübergehende zeitlich begrenzte Essstörung im Rahmen von Belastungssituationen. Das Erscheinungsbild der Anorexia ist heterogen und kann in Unterformen gegliedert werden. Es sind zu unterscheiden restriktive (Gewichtsverlust durch Nahrungseinschränkung) von bulimischen Anorektikern (Fressanfälle mit Hungern), der bulimische Verlaufstyp überwiegt; einzelne Patienten wechseln in ihrem Verlauf vom bulimischen zum restriktiven Subtyp und umgekehrt.
Es ist zu vermuten, dass die Anorexia nervosa keine Krankheitseinheit ist, sondern, wie dargestellt, Untergruppen mit verschiedener klinischer Ausprägung und verschiedener Ätiologie existieren. Die im Folgenden dargestellten Befunde finden sich somit zwar häufig, aber nicht bei allen Erkrankten.
Nicht immer liegen pathogene unbewusste Konflikte dem Krankheitsgeschehen zugrunde. Drei wesentliche Konfliktkonstellationen sind beschrieben:
Die 32-jährige ledige Ingenieurin erkrankte mit 15 Jahren, sie hungerte sich bei einer Körpergröße von 158 cm bis auf 35 kg herunter. Davor war sie leicht übergewichtig, und ihre Mutter hatte sie ermahnt, schlanker zu werden. In dieser Zeit begann sie sich erstmals außer Haus mit Freundinnen und Freunden zu treffen und wurde hierbei von der Mutter sehr eingeschränkt; die Mutter habe ihr sogar aus Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft nachspioniert. Sie begann dann eine Diät, die dann bald außer Kontrolle geriet. Sie freute sich, dass sie die Mutter mit dem Untergewicht quälen konnte! Nach dem Abitur und dem Auszug von zu Hause besserte sich die Symptomatik, obwohl die Patientin weiterhin untergewichtig war. Sie sprach mit niemandem über ihre Symptome und hatte das Gefühl, die Einzige zu sein, die so etwas habe. Die Patientin wurde als die ältere von zwei Töchtern geboren, zum Zeitpunkt der Geburt der 2 Jahre jüngeren Schwester wurde sie zu den Großeltern gegeben, da die Mutter sich überfordert fühlte. Damals erkrankte sie erstmals an unklaren Durchfällen und musste über einen langen Zeitraum stationär behandelt werden und wurde dabei auch künstlich ernährt. In ihrem 4. Lebensjahr verstarb der Vater, und die Mutter zog zu den Großeltern, sodass beide Kinder überwiegend dort erzogen wurden. Essen war in dem 3-Generationen-Frauenhaushalt immer ein zentrales Thema: sie sei oft gezwungen worden zu essen, seit dem 4. Lebensjahr auch geschlagen worden, wenn sie das Essen verweigerte, später habe sie bestimmte Diäten einhalten sollen. Auch die Mutter habe schon immer an Essstörungen gelitten und oft „gekotzt“. In der Lebensgeschichte dieser Patientin finden wir sowohl den Kampf um Autonomie (gegen die Mutter) als auch die Abwehr des Essens als Kampf gegen den Wunsch nach Annäherung.
Die Behandlung ist schwierig, jede Behandlung muss den zum Teil lebensbedrohlichen körperlichen Folgestörungen als auch dem ursächlichen krankhaften Essverhalten Rechnung tragen. Behandlungsprogramme müssen somit integrativ sein. Die Patientinnen üben einen massiven Appell aus, und es gelingt ihnen, viele Beteiligte für sich einzunehmen. Im Laufe der Therapie kommt es jedoch meist zu schweren Enttäuschungen. Jede Behandlungstechnik muss den Kampf der Patientin um ihre Autonomie berücksichtigen. Die Kunst der Behandlung ist es, diesem Autonomiestreben verständnisvoll entgegenzukommen und ein Arbeitsbündnis herzustellen und dennoch gegen den Willen der Patientin ihr dazu zu verhelfen, Gewicht zu gewinnen. „Wir verstehen Sie, akzeptieren aber nicht Ihre Selbstzerstörung durch Hungern.“
Therapieziele sind die Beseitigung der Fehlernährung und des Untergewichtes, die innerpsychischen Einstellungsänderungen und der Aufbau von sozialen Kontakten und Selbstwertgefühl. Manche Patientinnen mit nur geringem Untergewicht und hoher Motivation, kooperativer Familie und kurzer Erkrankungsdauer können ambulant behandelt werden, die meisten bedürfen einer stationären psychotherapeutischen Behandlung von mindestens acht bis zwölf Wochen. Nur im Rahmen einer stationären Psychotherapie ist eine multimodale therapeutische Betreuung (Wiederauffütterung, verhaltenstherapeutische Ansätze, Körpertherapie, konfliktaufdeckende Ansätze usw.) möglich. Wichtigste Aufgabe des Hausarztes ist die differentialdiagnostische Abklärung und möglichst frühe Motivation zu einer psychotherapeutischen Behandlung. Je kürzer die Krankheitsdauer bei Behandlungsbeginn, umso besser scheint die psychotherapeutische Behandlungsprognose! Bei vitaler körperlicher Bedrohung (extremes Untergewicht mit Bradykardie und Arrhythmien, extremes Erbrechen, Depressionen mit Suizidalität) ist eine sofortige Klinikeinweisung unumgänglich. Bei der nachfolgenden ambulanten Psychotherapie ist der Hausarzt wichtiger Kooperationspartner in der Betreuung und Überwachung der körperlichen Folgen der Erkrankung. Eine Absprache zwischen Psychotherapeut und Hausarzt ist hierzu unabdingbar, die Patientinnen versuchen oft, die Behandler gegeneinander auszuspielen. Trotz aller psychotherapeutischen Bemühungen verbleibt etwa ein Viertel der Anorexia-Patienten im Wesentlichen ungebessert, für diese Gruppe ist eine langjährige Betreuung durch den Hausarzt entscheidend.
Differentialdiagnostisch müssen andere organische und psychosomatische Störungen mit wiederholtem Erbrechen abgegrenzt werden. Das Erbrechen oder der Missbrauch von Medikamenten kann selbstverständlich zu Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen (Tetanie, epileptische Anfälle, kardiale Arrhythmien, Muskelschwäche usw.) führen. Es handelt sich um eine Störung, die erst in den letzten 20 Jahren beschrieben wurde und seit dieser Zeit anscheinend deutlich an Häufigkeit zunimmt.
Das Krankheitsbild wird in drei Schweregrade gemäß der Häufigkeit von Fressanfällen, Dauer der Erkrankung und Schwere der psychischen Symptome eingeteilt. Da die Erkrankung erst seit kurzem beschrieben wird, liegen zum spontanen Verlauf keine Untersuchungen vor.
Die Befunde sprechen, wie bei der Anorexia, für eine multikausale Genese mit unterschiedlichen Subtypen der Erkrankung. Meist machen bulimische Patientinnen im Kontakt einen starken und unabhängigen Eindruck, hinter dieser Fassade verbirgt sich eine große Selbstunsicherheit mit Gefühlen der inneren Leere und Sinnlosigkeit. Während sich die Patientinnen also auf der einen Seite als unabhängig, stark, zielstrebig, ehrgeizig, beherrscht und attraktiv darstellen, empfinden sie sich andererseits als schwach, verabscheuungswürdig und sind äußerst bedürftig.
Fallbeispiel: Die 33-jährige verheiratete Bankbeamtin leidet seit fünf Jahren unter Essdurchbrüchen, im Rahmen derer sie mehrere Tafeln Schokolade bis hin zum ganzen Inhalt des Kühlschranks in sich hineinstopft. Meist geht diesen Anfällen ein Streit, z. B. mit ihrem Ehemann oder der Mutter, voraus. Nach den Essdurchbrüchen fühlt sie sich schuldig und wertlos, sie versucht dann alles wieder ungeschehen zu machen und nimmt dann Abführmittel ein. Die Patientin ist das zweite Kind, ihre 13 Jahre ältere Schwester konnte sich bald von zu Hause ablösen. Die Mutter ist überfürsorglich und ängstlich. Die Mutter erkrankte in der Kindheit der Patientin an einem insulinpflichtigen Diabetes mellitus. Diese Erkrankung (und das Essen) stand von da an im Familienmittelpunkt, so ließ die Mutter die Patientin nie mehr als 50 km wegfahren: „Ich könnte ja sterben, und Du bist nicht da.“ Eine erste Ehe scheiterte, der zweite Ehemann versuchte sie zu bevormunden, „wie meine Mutter es tat“. Bei der ersten gemeinsamen Urlaubsreise traten dann die Fressdurchbrüche auf. In einer ambulanten Psychotherapie konnte die Patientin ihr konflikthaftes Selbstwertempfinden auf dem Hintergrund eines Autonomie- und Abhängigkeitskonflikts lösen und symptomfrei werden.
Für Bulimie-Patientinnen ist in der überwiegenden Mehrzahl eine ambulante Therapie angemessen. Tiefenpsychologisch-analytische Therapieverfahren und kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze zeigen gute Behandlungserfolge. Gelingt es, die Störung von Gefühlswahrnehmung und –ausdruck zu verbessern, verschwindet das Symptom Essstörung. Für Patientinnen mit erheblichem Medikamentenmissbrauch, Suizidalität oder Persönlichkeitsstörungen sind stationäre psychotherapeutische Vorbehandlungen notwendig. Die Aufgabe des Hausarztes ist die frühzeitige Erkennung des Krankheitsbildes und die baldige Konfrontation und Information der Patientin über die Erkrankungsproblematik und die therapeutischen Möglichkeiten. Anfänglich steht die somatische Betreuung (Elektrolytentgleisung, zahnärztliche Betreuung aufgrund der Schäden am Zahnschmelz und Ernährungsberatung) im Mittelpunkt der Behandlung. Bei ausgeprägter depressiver Symptomatik haben sich Antidepressiva (SSRI wirken appetitmindernd) in ausreichender Dosierung bewährt.
Von Übergewicht wird ab einer Gewichtszunahme von 15 - 20 % über dem Normalgewicht nach Broca oder bei einem Body-Mass-Index ab 25 gesprochen. Eine Adipositas besteht, wenn der Body-Mass-Index größer als 30 kg/Meter im Quadrat ist. Bei der Adipositas gibt es eine familiäre Häufung. Eine genetische Komponente wird vermutet. Die Bedeutung familiärer Ernährungsmuster im Rahmen des Übergewichts ist jedoch entscheidend. Neben dem Zu-Viel-Essen ist der Bewegungsmangel mitbedingend. Eine Fülle von Folgeerkrankungen erhöht die Morbidität und Mortalität. Übergewicht findet sich in allen westlichen Gesellschaften, meist gehäuft in der sozialen Unterschicht. In der BRD ist davon auszugehen, dass zwischen 15 und 20 % der Bevölkerung übergewichtig sind. Die jährlichen Kosten ernährungsabhängiger Krankheiten sind sehr hoch.
Die Frage, ob Übergewicht mit psychischen Störungen in Verbindung steht, ist widersprüchlich beantwortet worden. Die meisten Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Mehrzahl übergewichtiger Patienten keine emotionalen Störungen zeigen und nur eine Minderzahl ausgeprägte psychische Störungen aufweisen.
Bei Adipösen tritt während der Mahlzeiten verspätet oder geschwächt ein Sättigungsgefühl auf. Adipöse nehmen innere Erregungszustände eher unzuverlässig wahr und deuten sie oft fälschlicherweise als Hunger.
Da das Essverhalten keiner natürlichen Sättigung unterliegt, muss es kontrolliert werden - dies geschieht ungenügend. Emotionale Faktoren beeinflussen das Essverhalten, wie z. B. das nächtliche Essen oder das Auftreten von Fressorgien infolge von gefühlsmäßigen Erregungszuständen. Dieses ungesteuerte Essen wird als „binge-eating“ (Hyperphagie) klassifiziert und besteht sicherlich bei mehr als 30-50% der Adipösen. Psychodynamisch wird das Essen als Abwehr von Unlustempfindungen bzw. als Bewältigung von Unlustempfindungen (wie Kränkung, Ärger, Angst oder Depression) verstanden.
Auch der Adipöse zeigt eine Körperschemastörung, er erlebt seinen Körper als grotesk und verachtungswürdig. Kinder, um die sich die Eltern wenig kümmerten, neigen als Erwachsene eher zu Fettleibigkeit als wohlumsorgte Gleichaltrige.
Medikamentöse Behandlungsversuche mit Appetitzüglern oder sogar chirurgische Verfahren sind als obsolet zu bezeichnen, da sie das komplexe psychosoziale Bedingungsgefüge verkennen und missachten, mehr noch, sie führen sogar zu ungünstigen Nebenwirkungen und Folgeschäden. Auch die üblichen stationären Diät- und Kurbehandlungen haben wenig Erfolg, da mit der Rückkehr in die gewohnte Umgebung das alte Essverhalten weiter besteht.
Derartige interdisziplinäre Ansätze tragen dem komplexen Bedingungsgeflecht Rechnung und übergeben dem Patienten selbst Verantwortung. Die wichtige Aufgabe für den Hausarzt ist, gemeinsam mit dem Patienten das Übergewicht ernst zu nehmen und nicht von der Behandlung auszuklammern. Da es sich um eine chronisch-suchtartige Störung handelt, kann der Arzt nicht erwarten, dass der Patient „wie jeder Erwachsene, der einen Willen hat“, sein Verhalten sofort ändern kann. Jeglicher Versuch einer Verhaltensänderung bedarf der kontinuierlichen und regelmäßigen Betreuung und Überwachung, dabei sollten möglichst viele Teilelemente des dargestellten Therapieprogramms verwirklicht werden. Nur ein langsamer und stufenweiser Gewichtsverlust ist stabil, Rückfälle müssen als selbstverständlich akzeptiert werden.