Medizinische Psychologie

Essstörungen

Das menschliche Essverhalten ist im Gefüge von biologischer Notwendigkeit, der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, sozio-kulturellen Bedingungen und der persönlichen Geschichte des Individuums zu sehen. Die Ernährung ist eine lebenswichtige, weitgehend automatisierte Funktion, die durch Erfahrungen und Lernen entstanden ist und dem Menschen nur teilweise bewusst ist. Essen und Trinken haben eine kommunikative Funktion und erfolgen meist zusammen mit anderen Menschen. Der Akt des Essens hat eine hohe emotionale Bedeutung und ist meist mit lustvoller Befriedigung und Sättigung - „die anständige Lust“ - verbunden. Im Essakt können infolge der vielfältigen individuellen Erlebensmuster völlig unterschiedliche Gefühle (meist unbewusst) zum Ausdruck kommen: Aggressivität, Liebe („zum Fressen gern“), Abgrenzung („ausspucken“). Die Vielfalt menschlicher Ernährungsgewohnheiten in Kulturen unterstreicht den Einfluss soziokultureller Bedingungen auf das Essen. So gibt es Kulturen, in denen Essen Vorbedingung für Zuwendung ist oder auch als Genuss angesehen wird, es kann aber auch mit Lustgier oder Ekel verbunden werden.

In den westlichen Kulturen ist in den letzten Jahrhunderten das Essverhalten zunehmend normiert, verfeinert und rationalisiert worden. Essen als sinnliches Erlebnis tritt hinter der Notwendigkeit des schnellen Essens (Fast food) zurück. Gleichzeitig besteht ein Überangebot an Nahrung mit der sozialen Forderung nach Schlankheit. Während in vielen Kulturen Körperfülle als Zeichen von Wohlstand und Macht gilt, hat sich in den westlichen Kulturen im 20. Jahrhundert die Schlankheit, gerade des weiblichen Körpers, zu einem zentralen Thema in den Massenmedien entwickelt. Die an Frauen (und mittlerweile auch an Männer) herangetragenen Erwartungen führen zu erheblichen Störungen des Essverhaltens.

Grundlagen des Ernährungsverhaltens
Die Ernährung eines gesunden Menschen soll möglichst ausgewogen sein und einen Kalorienbedarf von durchschnittlich 2000 - 4000 kcal nicht über- bzw. unterschreiten. Befindlichkeit und Leistung eines Menschen hängen ganz entscheidend von einer regelmäßigen und ausgewogenen Ernährung ab, demzufolge haben sowohl Unter- wie Überernährung ungünstige Auswirkungen auf körperliche und seelische Funktionen.

Das Ernährungsverhalten ist im Wesentlichen das Ergebnis von Erziehungs- und Umwelteinflüssen und nur in einem sehr geringen Maße durch Erbfaktoren bestimmt. Die Fütterung durch die Mutter ist die erste wesentliche menschliche Kommunikation des Säuglings. Wie sehr Ernährungsgewohnheiten Zeitphänomene sind, wird am Beispiel der Säuglingsernährung deutlich: Noch vor wenigen Jahrzehnten war ein strenger Fütterungsplan mit etwa 5 Mahlzeiten am Tag üblich, heute wird nach Bedarf gefüttert (gestillt), also je nach den vermuteten kindlichen Grundbedürfnissen. Dass sich hieraus auch zwangsläufig Änderungen des emotionalen Bezuges zwischen Mutter und Kind ergeben, bedarf keiner weiteren Erläuterung. In der weiteren Entwicklung haben Bezugspersonen innerhalb und außerhalb der Familie als Vorbilder (Identifikation) entscheidenden Einfluss auf das Ess- und Trinkverhalten. Es entwickelt sich ein Körperbild (Körperschema), das sehr stark gesellschaftlichen Idealvorstellungen unterworfen ist.

Die Überernährung mit einer übermäßigen Aufnahme von Fett, Zucker und Salz ist in den Industrieländern ein großes Problem. Übergewichtige zeigen eine erhöhte Sterblichkeitsrate: Personen mit 20 bis 30 % Übergewicht haben eine um 20 - 40 %, jene mit 50 - 60 % Übergewicht eine über 100 % erhöhte Mortalität.

  • Übergewichtige Menschen sterben häufig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, leiden häufiger an Bluthochdruck oder Diabetes mellitus. Übergewicht ist meist verbunden mit Bewegungsmangel, Rauchen und Alkoholmissbrauch. Die Ursache für Übergewicht liegt also nicht nur in der Überernährung, sondern in einem Faktorenbündel begründet.
  • Die üblichen Reduktionsdiäten haben kaum bleibende Behandlungserfolge, da sie die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten nicht mitberücksichtigen.
  • Nach Ablauf der Diät ist der Körper auf wenig Verbrauch eingestellt und nimmt sehr schnell wieder an Gewicht zu, wenn die Nahrungsaufnahme sich auf dem alten Niveau einpendelt.
  • Das übermäßige Diätverhalten im Wechsel mit Gewichtszunahme wird als „Jo-Jo“-Syndrom bezeichnet. So setzt der Körper den Stoffwechsel bei plötzlichem Diätbeginn herab, um dann bei normaler Ernährung mit vermindertem Stoffwechsel deutlich an Gewicht zuzunehmen!
  • Nur eine langsame, kontinuierliche Gewichtsabnahme auf dem Hintergrund veränderter Ernährungsbedingungen kann erfolgreich sein.
  • Die kollektiven, sich wiederholenden Diäten, gerade bei Frauen in westlichen Industrieländern, sind heute als Risikofaktor für Essstörungen erkannt.

Das Essverhalten kann man als Regelkreis beschreiben. Die Regelgröße Hunger wird gemessen und mit Soll-Werten verglichen, was voraussetzt, dass ein natürliches Erleben von Hunger- und Sättigungsgefühlen möglich ist.

  • Im Rahmen der „Set-Point“-Theorie wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch über ein biologisch gesteuertes natürliches Körpergewicht verfügt, dies wird in der Regel konstant gehalten.

Dieser „Set-Point“ wird vermutlich durch genetische und frühkindliche Ernährungseinflüsse festgelegt. Bei Abweichung von diesem Gewicht reagiert der Organismus mit Anpassungsmaßnahmen, also vermindertem oder vermehrtem Appetit bzw. erhöhtem oder vermindertem Energieumsatz. Der Organismus strebt nach einem natürlichen Gewicht. Diese Theorie erklärt die Tatsache, dass Menschen ihr Gewicht ohne bewusste Anstrengung über lange Zeiträume konstant halten.

Die Festlegung des Normalgewichtes ist nicht einfach, bis vor kurzem wurde es definiert als Broca-Referenzgewicht.

Normalgewicht nach Broca: Körpergröße minus 100, Idealgewicht bei Männern minus 10 % bzw. minus 15 % bei Frauen. Abgelöst wurde diese Gewichtseinteilung durch den Quetelet-Index (QI), der auch als „Body-Mass-Index (BMI)“ bezeichnet wird.

  • Body-Mass-Index: Körpergewicht geteilt durch Körpergröße im Quadrat (Kilogramm/Meter im Quadrat)

Beispiel: 70 kg, 170 cm: BMI 24,2

Im Bereich der Essstörungen sind drei Krankheitsbilder von Bedeutung: die Anorexia nervosa, die Bulimia nervosa und die Adipositas. Essstörungen sind Störungen der Nahrungsaufnahme und der Einstellung zur Nahrung. Sie sind begründet durch psychosoziale Konflikte, die in ungünstigen persönlichen und sozio-kulturellen Bedingungen wurzeln.

Anorexia nervosa
Diese Erkrankung ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten und aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Am häufigsten ist die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen. Das Krankheitsbild wurde bereits im Mittelalter an Fallbeispielen dargestellt. Die medizinische Beschreibung erfolgte im 17. und 18. Jahrhundert. Damals wurde es als psychogene Störung aufgefasst, während Anfang des 19. Jahrhunderts eine Störung der Hypophyse vermutet wurde - bis hin zu therapeutischen Überlegungen, Hypophysenimplantate durchzuführen! Die Anorexia nervosa als eigenständiges psychosomatisches Krankheitsbild ist heute unumstritten. Mit der Erkrankung ist eine Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades verbunden, diese führt sekundär zu endokrinen und metabolischen Veränderungen sowie anderen körperlichen Funktionsstörungen. Die Diagnose ist in der Regel zuverlässig und leicht zu stellen. Nach den diagnostischen Leitlinien des ICD-10 sind für die Diagnose folgende Kriterien erforderlich:
  • tatsächliches Körpergewicht mindestens 15 % unter dem erwarteten Gewicht oder Quetelets-Index von 17,5 oder weniger
  • Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch Vermeidung von Speisen, selbstinduziertem Erbrechen, selbstinduziertem Abführen, übertriebener körperlicher Aktivität und/oder Gebrauch von Appetitzüglern und Diuretika.
  • Folgende Körperschema-Störungen liegen vor: Die Gewichtsschwelle für sich selbst wird sehr niedrig gelegt, es besteht eine überwertige Angst, dick zu werden.
  • Endokrine Störungen auf der Hypothalamus-Hypophysen-Gonadenachse: Amenorrhoe bei Frauen, Libido- und Potenzverlust bei Männern, erhöhte Wachstums- und Cortisolspiegel, Änderungen des Schilddrüsenhormonmetabolismus und Störungen der Insulinsekretion können ebenfalls vorliegen.
  • Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät sind die körperlichen Entwicklungsschritte verzögert oder gehemmt (primäre Amenorrhoe, fehlende Brustentwicklung, Wachstumsstopp).

Differentialdiagnostisch müssen selbstverständlich somatische Ursachen eines Gewichtsverlustes abgegrenzt werden. Andere psychosomatische Krankheitsbilder mit Störungen des Essverhaltens sind das neurotisch bedingte Erbrechen und die anorektische Reaktion als vorübergehende zeitlich begrenzte Essstörung im Rahmen von Belastungssituationen. Das Erscheinungsbild der Anorexia ist heterogen und kann in Unterformen gegliedert werden. Es sind zu unterscheiden restriktive (Gewichtsverlust durch Nahrungseinschränkung) von bulimischen Anorektikern (Fressanfälle mit Hungern), der bulimische Verlaufstyp überwiegt; einzelne Patienten wechseln in ihrem Verlauf vom bulimischen zum restriktiven Subtyp und umgekehrt.

  • 95 % der Erkrankten sind Frauen, die während der Pubertät erstmals auffällig werden
  • Während der Adoleszenz erkranken etwa 1 % der Frauen. Die Anorexia nervosa findet sich zunehmend in allen westlichen Ländern, gehäuft in sozial höheren Schichten. Genetische Einflüsse scheinen eine Rolle zu spielen.
  • Die Prognose des Spontanverlaufes ist schlecht, die Mortalität beträgt bis zu 15 %, annähernd bleibt 1/3 der Patienten bei chronischem Verlauf anorektisch, ein weiteres Drittel entwickelt eine andere seelische Erkrankung, und nur 20 - 30 % zeigen eine Besserung bis hin zum Verschwinden von seelischen und sonstigen Störungen.
  • Psychosomatische Aspekte

Es ist zu vermuten, dass die Anorexia nervosa keine Krankheitseinheit ist, sondern, wie dargestellt, Untergruppen mit verschiedener klinischer Ausprägung und verschiedener Ätiologie existieren. Die im Folgenden dargestellten Befunde finden sich somit zwar häufig, aber nicht bei allen Erkrankten.

  • Prämorbide Persönlichkeitsstruktur: Häufig handelt es sich um überdurchschnittlich intelligente Mädchen, die bereits vor Krankheitsbeginn als distanziert, schüchtern, ängstlich oder angepasst beschrieben werden.
  • Psychische Störungen: Es finden sich vermehrt depressive und Zwangssymptome. Die Ausprägung psychopathologischer Störungen variiert erheblich, ebenso die Reife der Charakterstruktur und der Ich-Funktionen.

Nicht immer liegen pathogene unbewusste Konflikte dem Krankheitsgeschehen zugrunde. Drei wesentliche Konfliktkonstellationen sind beschrieben:

  • Abwehr der weiblichen Identität: Die Übernahme der weiblichen Rolle und Sexualität wird durch die Magersucht verhindert. Im Kampf gegen das Essen wird die bedrohliche Sexualität ferngehalten.
  • Der Kampf um Autonomie: Hunger und Fasten sind als asketische Leistung Dokument für die eigene Unabhängigkeit und Selbstkontrolle. Diese Triebkontrolle geht einher mit narzisstischen Hochgefühlen, und jedes Hilfsangebot wird zur Gefahr, diese Vollkommenheit zu verlieren.
  • Abwehr des Essens als Kampf gegen Verschmelzungs- oder Trennungswünsche: Annäherungen und Kontakte führen zu Ängsten bei gleichzeitigen unbewussten starken Wünschen nach nahen Beziehungen.

Die 32-jährige ledige Ingenieurin erkrankte mit 15 Jahren, sie hungerte sich bei einer Körpergröße von 158 cm bis auf 35 kg herunter. Davor war sie leicht übergewichtig, und ihre Mutter hatte sie ermahnt, schlanker zu werden. In dieser Zeit begann sie sich erstmals außer Haus mit Freundinnen und Freunden zu treffen und wurde hierbei von der Mutter sehr eingeschränkt; die Mutter habe ihr sogar aus Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft nachspioniert. Sie begann dann eine Diät, die dann bald außer Kontrolle geriet. Sie freute sich, dass sie die Mutter mit dem Untergewicht quälen konnte! Nach dem Abitur und dem Auszug von zu Hause besserte sich die Symptomatik, obwohl die Patientin weiterhin untergewichtig war. Sie sprach mit niemandem über ihre Symptome und hatte das Gefühl, die Einzige zu sein, die so etwas habe. Die Patientin wurde als die ältere von zwei Töchtern geboren, zum Zeitpunkt der Geburt der 2 Jahre jüngeren Schwester wurde sie zu den Großeltern gegeben, da die Mutter sich überfordert fühlte. Damals erkrankte sie erstmals an unklaren Durchfällen und musste über einen langen Zeitraum stationär behandelt werden und wurde dabei auch künstlich ernährt. In ihrem 4. Lebensjahr verstarb der Vater, und die Mutter zog zu den Großeltern, sodass beide Kinder überwiegend dort erzogen wurden. Essen war in dem 3-Generationen-Frauenhaushalt immer ein zentrales Thema: sie sei oft gezwungen worden zu essen, seit dem 4. Lebensjahr auch geschlagen worden, wenn sie das Essen verweigerte, später habe sie bestimmte Diäten einhalten sollen. Auch die Mutter habe schon immer an Essstörungen gelitten und oft „gekotzt“. In der Lebensgeschichte dieser Patientin finden wir sowohl den Kampf um Autonomie (gegen die Mutter) als auch die Abwehr des Essens als Kampf gegen den Wunsch nach Annäherung.

  • Familiäre Struktur: Wie in dem Fallbeispiel finden sich meist erhebliche Spannungen zwischen der Patientin und den übrigen Familienmitgliedern, aber auch Spannungen der Familienmitglieder untereinander; diese Beziehungsmuster sind jedoch nicht nur Krankheitsfolge, sondern gehen der Erkrankung meist voraus. Familientherapeuten haben als Besonderheiten beschrieben: Konfliktvermeidung, mangelnde Konfliktbegrenzung, Verstrickung, Starrheit und Intoleranz gegenüber Veränderungen sowie mangelnde Abgrenzung der Generationen
  • Als auslösende Situation finden sich die reale oder phantasierte Trennung von den Eltern und erotische/sexuelle Versuchungssituationen
  • Therapeutischer Umgang und Psychotherapie

Die Behandlung ist schwierig, jede Behandlung muss den zum Teil lebensbedrohlichen körperlichen Folgestörungen als auch dem ursächlichen krankhaften Essverhalten Rechnung tragen. Behandlungsprogramme müssen somit integrativ sein. Die Patientinnen üben einen massiven Appell aus, und es gelingt ihnen, viele Beteiligte für sich einzunehmen. Im Laufe der Therapie kommt es jedoch meist zu schweren Enttäuschungen. Jede Behandlungstechnik muss den Kampf der Patientin um ihre Autonomie berücksichtigen. Die Kunst der Behandlung ist es, diesem Autonomiestreben verständnisvoll entgegenzukommen und ein Arbeitsbündnis herzustellen und dennoch gegen den Willen der Patientin ihr dazu zu verhelfen, Gewicht zu gewinnen. „Wir verstehen Sie, akzeptieren aber nicht Ihre Selbstzerstörung durch Hungern.“

Therapieziele sind die Beseitigung der Fehlernährung und des Untergewichtes, die innerpsychischen Einstellungsänderungen und der Aufbau von sozialen Kontakten und Selbstwertgefühl. Manche Patientinnen mit nur geringem Untergewicht und hoher Motivation, kooperativer Familie und kurzer Erkrankungsdauer können ambulant behandelt werden, die meisten bedürfen einer stationären psychotherapeutischen Behandlung von mindestens acht bis zwölf Wochen. Nur im Rahmen einer stationären Psychotherapie ist eine multimodale therapeutische Betreuung (Wiederauffütterung, verhaltenstherapeutische Ansätze, Körpertherapie, konfliktaufdeckende Ansätze usw.) möglich. Wichtigste Aufgabe des Hausarztes ist die differentialdiagnostische Abklärung und möglichst frühe Motivation zu einer psychotherapeutischen Behandlung. Je kürzer die Krankheitsdauer bei Behandlungsbeginn, umso besser scheint die psychotherapeutische Behandlungsprognose! Bei vitaler körperlicher Bedrohung (extremes Untergewicht mit Bradykardie und Arrhythmien, extremes Erbrechen, Depressionen mit Suizidalität) ist eine sofortige Klinikeinweisung unumgänglich. Bei der nachfolgenden ambulanten Psychotherapie ist der Hausarzt wichtiger Kooperationspartner in der Betreuung und Überwachung der körperlichen Folgen der Erkrankung. Eine Absprache zwischen Psychotherapeut und Hausarzt ist hierzu unabdingbar, die Patientinnen versuchen oft, die Behandler gegeneinander auszuspielen. Trotz aller psychotherapeutischen Bemühungen verbleibt etwa ein Viertel der Anorexia-Patienten im Wesentlichen ungebessert, für diese Gruppe ist eine langjährige Betreuung durch den Hausarzt entscheidend.

Bulimia nervosa
Das Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch wiederholte Essanfälle bei gleichzeitiger übertriebener Beschäftigung mit dem Körpergewicht. Das Körpergewicht ist jedoch in der Regel normal. Es erkranken überwiegend Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Die Störung kann nach einer Anorexia nervosa auftreten und umgekehrt. Im ICD-10 wurden folgende diagnostische Leitlinien erarbeitet:
  • Andauernde Beschäftigung mit dem Essen und unwiderstehliche Gier nach Lebensmitteln. Bei Essattacken werden Nahrungsmittel in sehr großen Mengen in sehr kurzer Zeit konsumiert („Fressanfall“).
  • Die Patientinnen versuchen, der Gewichtszunahme durch verschiedene Verhaltensweisen entgegenzusteuern: Erbrechen, Missbrauch von Abführmitteln und Appetitzüglern, zeitweilige Hungerperioden, Schilddrüsenpräparate oder Diuretika.
  • Die psychopathologische Auffälligkeit besteht in einer krankhaften Furcht, dick zu werden.

Differentialdiagnostisch müssen andere organische und psychosomatische Störungen mit wiederholtem Erbrechen abgegrenzt werden. Das Erbrechen oder der Missbrauch von Medikamenten kann selbstverständlich zu Elektrolytstörungen und körperlichen Komplikationen (Tetanie, epileptische Anfälle, kardiale Arrhythmien, Muskelschwäche usw.) führen. Es handelt sich um eine Störung, die erst in den letzten 20 Jahren beschrieben wurde und seit dieser Zeit anscheinend deutlich an Häufigkeit zunimmt.

  • Die Erkrankung ist offensichtlich an Zeitströmungen gebunden (Überfluss von Nahrung, rigides Schönheits- und Schlankheitsideal).
  • Die Prävalenzrate bei 20- bis 40-jährigen Frauen wird mit 2 - 4 % angenommen.
  • Zwischen Beginn der Erkrankung und erster ambulanter Untersuchung liegen oft viele Jahre, die Patientinnen habe starke Scham- und Schuldgefühle bezüglich ihrer Symptome.

Das Krankheitsbild wird in drei Schweregrade gemäß der Häufigkeit von Fressanfällen, Dauer der Erkrankung und Schwere der psychischen Symptome eingeteilt. Da die Erkrankung erst seit kurzem beschrieben wird, liegen zum spontanen Verlauf keine Untersuchungen vor.

  • Psychosomatische Aspekte

Die Befunde sprechen, wie bei der Anorexia, für eine multikausale Genese mit unterschiedlichen Subtypen der Erkrankung. Meist machen bulimische Patientinnen im Kontakt einen starken und unabhängigen Eindruck, hinter dieser Fassade verbirgt sich eine große Selbstunsicherheit mit Gefühlen der inneren Leere und Sinnlosigkeit. Während sich die Patientinnen also auf der einen Seite als unabhängig, stark, zielstrebig, ehrgeizig, beherrscht und attraktiv darstellen, empfinden sie sich andererseits als schwach, verabscheuungswürdig und sind äußerst bedürftig.

  • Es bestehen unterschiedliche prämorbide Persönlichkeitsmerkmale und Ich-Funktionen; depressive Persönlichkeitsmerkmale mit Verstimmungen, Selbstunsicherheit und autoaggressiven Tendenzen finden sich deutlich gehäuft.
  • Die Leistungsfähigkeit und Bereitschaft (um Anerkennung von anderen Personen zu gewinnen) ist groß, die Schul- und Berufsleistungen sind sehr gut.
  • Als auslösende Situationen finden sich in engem zeitlichen Zusammenhang mit den ersten Fressanfällen häufig Kränkungen und Trennungs- oder Verlustsituationen. Reduktionsdiäten leiten meist den Teufelskreis ein.
  • In der Verhaltenstherapie werden dysfunktionale Denkstile (bezogen auf Form und Gewicht des Körpers) und Wahrnehmungsdefizite (Hunger, Sättigung, Emotionen) als ursächlich und aufrechterhaltend für die Essstörung angesehen. In psychodynamischen Theorien wird der Fressanfall als Bewältigungsversuch von unbewussten und unangenehmen Gefühlen angesehen.

Fallbeispiel: Die 33-jährige verheiratete Bankbeamtin leidet seit fünf Jahren unter Essdurchbrüchen, im Rahmen derer sie mehrere Tafeln Schokolade bis hin zum ganzen Inhalt des Kühlschranks in sich hineinstopft. Meist geht diesen Anfällen ein Streit, z. B. mit ihrem Ehemann oder der Mutter, voraus. Nach den Essdurchbrüchen fühlt sie sich schuldig und wertlos, sie versucht dann alles wieder ungeschehen zu machen und nimmt dann Abführmittel ein. Die Patientin ist das zweite Kind, ihre 13 Jahre ältere Schwester konnte sich bald von zu Hause ablösen. Die Mutter ist überfürsorglich und ängstlich. Die Mutter erkrankte in der Kindheit der Patientin an einem insulinpflichtigen Diabetes mellitus. Diese Erkrankung (und das Essen) stand von da an im Familienmittelpunkt, so ließ die Mutter die Patientin nie mehr als 50 km wegfahren: „Ich könnte ja sterben, und Du bist nicht da.“ Eine erste Ehe scheiterte, der zweite Ehemann versuchte sie zu bevormunden, „wie meine Mutter es tat“. Bei der ersten gemeinsamen Urlaubsreise traten dann die Fressdurchbrüche auf. In einer ambulanten Psychotherapie konnte die Patientin ihr konflikthaftes Selbstwertempfinden auf dem Hintergrund eines Autonomie- und Abhängigkeitskonflikts lösen und symptomfrei werden.

  • Therapeutischer Umgang und Psychotherapie

Für Bulimie-Patientinnen ist in der überwiegenden Mehrzahl eine ambulante Therapie angemessen. Tiefenpsychologisch-analytische Therapieverfahren und kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze zeigen gute Behandlungserfolge. Gelingt es, die Störung von Gefühlswahrnehmung und –ausdruck zu verbessern, verschwindet das Symptom Essstörung. Für Patientinnen mit erheblichem Medikamentenmissbrauch, Suizidalität oder Persönlichkeitsstörungen sind stationäre psychotherapeutische Vorbehandlungen notwendig. Die Aufgabe des Hausarztes ist die frühzeitige Erkennung des Krankheitsbildes und die baldige Konfrontation und Information der Patientin über die Erkrankungsproblematik und die therapeutischen Möglichkeiten. Anfänglich steht die somatische Betreuung (Elektrolytentgleisung, zahnärztliche Betreuung aufgrund der Schäden am Zahnschmelz und Ernährungsberatung) im Mittelpunkt der Behandlung. Bei ausgeprägter depressiver Symptomatik haben sich Antidepressiva (SSRI wirken appetitmindernd) in ausreichender Dosierung bewährt.

Adipositas

Von Übergewicht wird ab einer Gewichtszunahme von 15 - 20 % über dem Normalgewicht nach Broca oder bei einem Body-Mass-Index ab 25 gesprochen. Eine Adipositas besteht, wenn der Body-Mass-Index größer als 30 kg/Meter im Quadrat ist. Bei der Adipositas gibt es eine familiäre Häufung. Eine genetische Komponente wird vermutet. Die Bedeutung familiärer Ernährungsmuster im Rahmen des Übergewichts ist jedoch entscheidend. Neben dem Zu-Viel-Essen ist der Bewegungsmangel mitbedingend. Eine Fülle von Folgeerkrankungen erhöht die Morbidität und Mortalität. Übergewicht findet sich in allen westlichen Gesellschaften, meist gehäuft in der sozialen Unterschicht. In der BRD ist davon auszugehen, dass zwischen 15 und 20 % der Bevölkerung übergewichtig sind. Die jährlichen Kosten ernährungsabhängiger Krankheiten sind sehr hoch.

  • Psychosomatische Aspekte

Die Frage, ob Übergewicht mit psychischen Störungen in Verbindung steht, ist widersprüchlich beantwortet worden. Die meisten Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Mehrzahl übergewichtiger Patienten keine emotionalen Störungen zeigen und nur eine Minderzahl ausgeprägte psychische Störungen aufweisen.

  • Eine „adipöse Persönlichkeit“ gibt es nicht

Bei Adipösen tritt während der Mahlzeiten verspätet oder geschwächt ein Sättigungsgefühl auf. Adipöse nehmen innere Erregungszustände eher unzuverlässig wahr und deuten sie oft fälschlicherweise als Hunger.

Da das Essverhalten keiner natürlichen Sättigung unterliegt, muss es kontrolliert werden - dies geschieht ungenügend. Emotionale Faktoren beeinflussen das Essverhalten, wie z. B. das nächtliche Essen oder das Auftreten von Fressorgien infolge von gefühlsmäßigen Erregungszuständen. Dieses ungesteuerte Essen wird als „binge-eating“ (Hyperphagie) klassifiziert und besteht sicherlich bei mehr als 30-50% der Adipösen. Psychodynamisch wird das Essen als Abwehr von Unlustempfindungen bzw. als Bewältigung von Unlustempfindungen (wie Kränkung, Ärger, Angst oder Depression) verstanden.

Auch der Adipöse zeigt eine Körperschemastörung, er erlebt seinen Körper als grotesk und verachtungswürdig. Kinder, um die sich die Eltern wenig kümmerten, neigen als Erwachsene eher zu Fettleibigkeit als wohlumsorgte Gleichaltrige.

  • Therapeutischer Umgang und Psychotherapie

Medikamentöse Behandlungsversuche mit Appetitzüglern oder sogar chirurgische Verfahren sind als obsolet zu bezeichnen, da sie das komplexe psychosoziale Bedingungsgefüge verkennen und missachten, mehr noch, sie führen sogar zu ungünstigen Nebenwirkungen und Folgeschäden. Auch die üblichen stationären Diät- und Kurbehandlungen haben wenig Erfolg, da mit der Rückkehr in die gewohnte Umgebung das alte Essverhalten weiter besteht.

  • Traditionelle psychotherapeutische Ansätze bringen kaum Erfolge. Diese Verfahren scheinen nur dann indiziert, wenn deutliche neurotische Symptome vorliegen.
  • Gute, auch langfristige Erfolge zeigen interdisziplinäre ambulante Gruppenprogramme: 
  • Gruppensitzungen mit maximal 15 Patienten über 6 Monate
  • Kooperation von Internisten, Psychologen/Psychosomatikern, Diätberatern
  • Problemorientierte Bearbeitung der Entstehung und Folgen des Übergewichts
  • Selbstkontroll-Ansatz, d.h., Ziel ist eine verbesserte Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstverstärkung, um dem Patienten Kontrolle über sein Essverhalten und Gewicht zu ermöglichen
  • Integration der Partner und Familie
  • Maßnahmen zur Förderung der körperlichen Aktivität
  • Nachsorge in Form von Selbsthilfe

Derartige interdisziplinäre Ansätze tragen dem komplexen Bedingungsgeflecht Rechnung und übergeben dem Patienten selbst Verantwortung. Die wichtige Aufgabe für den Hausarzt ist, gemeinsam mit dem Patienten das Übergewicht ernst zu nehmen und nicht von der Behandlung auszuklammern. Da es sich um eine chronisch-suchtartige Störung handelt, kann der Arzt nicht erwarten, dass der Patient „wie jeder Erwachsene, der einen Willen hat“, sein Verhalten sofort ändern kann. Jeglicher Versuch einer Verhaltensänderung bedarf der kontinuierlichen und regelmäßigen Betreuung und Überwachung, dabei sollten möglichst viele Teilelemente des dargestellten Therapieprogramms verwirklicht werden. Nur ein langsamer und stufenweiser Gewichtsverlust ist stabil, Rückfälle müssen als selbstverständlich akzeptiert werden.

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