1938-2008: Vertriebene Wissenschaft
Die Innsbrucker Universitäten erinnern in diesem Jahr mit einer Portraitserie an jene Mitglieder der Universität Innsbruck, die vor 70 Jahren – nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland am 12. März 1938 – aus „politischen“ und „rassischen“ Gründen – wie es im NS-Jargon hieß – von der Universität ausgeschlossen und vertrieben wurden. Diese Portraits stehen auch stellvertretend für all jene Schicksale, die sich nicht mehr aus den Archiven rekonstruieren lassen.
Übersicht:
Ferdinand Steindl: „Politische Haft (3 Jahre)“
Ferdinand Steindl (Jg. 1922) wurde am 24. August 1940 wenige Monate nach seiner Matura wegen Unterstützung der katholisch, österreichisch patriotischen Salzburger Widerstandsgruppe „Heimatfront“ verhaftet. Laut Anklageschrift hatte Steindl im Sommer 1940 diese Salzburger Widerstandsgruppe, „deren Ziel die gewaltsame Losreißung der Ostmark vom Reich und die Errichtung einer ständischen Verfassung gewesen ist“, durch Sammeln von Geldspenden und Flugschriftenverteilung unterstützt. Steindl blieb bis April 1943 inhaftiert. Nach erfolgter Haftentlassung konnte er mit dem Wintersemester 1943/44 an der Universität Innsbruck mit dem Jusstudium beginnen. Steindl stand in Kontakt zum Postangestellten Johann Graber.
Nachdem Johann Graber und sein Mitkämpfer, der Bauingenieur Otto Horst im Herbst 1943 „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt worden waren und am 18. Februar 1944 in München-Stadelheim hingerichtet wurden, wurde auch das Hochverratsverfahren gegen Ferdinand Steindl und seine Mitstreiter (unter ihnen der in Salzburg wirkende Jesuitenpater Anton Pinsker) vor dem „Volksgerichtshof“ in Potsdam neu aufgerollt. Ferdinand Steindl wurde am 9. März 1944 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt: „Der Angeklagte Steindl hat sich im Sommer 1940 in Salzburg kurze Zeit im Rahmen einer legitimistischen Organisation betätigt, indem er in geringem Umfange Flugschriften weitergegeben und einen Betrag von 5 Rmk. weitergeleitet hat. Weil er damals eben erst 18 Jahre alt geworden war und obendrein die Tätigkeit von sich aus aufgegeben hat, wird er zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt.“ Am 27. April 1944 langte das Urteil beim Rektorat der Universität Innsbruck ein und „[a]d [a]cta“ gelegt. Ferdinand Steindl konnte erst nach der Befreiung im Wintersemester 1945/46 an der Universität Innsbruck weiter studieren. (Universitätsarchiv Innsbruck, Akten des Rektorats aus 1944/46, Nr. 54/1)
Das Schicksal der anderen Widerstandskämpfer/innen in der Gruppe um Ferdinand Steindl kann genau nachgelesen werden in: Widerstand und Verfolgung in Salzburg, hrg. vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, 2 Bände, Wien-Salzburg 1991, hier Band 2, Seite 67-80 und 604.
Melanie Karoline Adler (1888-1942)
Melanie Adler wurde am 12. Januar 1888 in Prag geboren, wo ihr Vater, der Musikwissenschafter Guido Adler, an der Universität lehrte. Er stammte aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie aus Eibenschitz (Ivancice) in der heutigen Tschechischen Republik und war nach dem frühen Tod des Vaters, eines Arztes, in Wien aufgewachsen. 1898 kehrte er mit seiner Familie dorthin zurück und begründete an der Wiener Universität das musikwissenschaftliche Seminar. Der Sohn, Hubert Joachim, begann kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges sein Medizinstudium und führte bis zu seiner Emigration in die USA am 5. August 1938 eine Ordination in Wien. Wie den Aufzeichnungen von Melanies Neffen, Tom Adler, zu entnehmen ist, blieb sie für ihre Familie ein Rätsel („an enigma“). Sie hielt sich häufig in München und Graz auf oder besuchte Kurorte auf dem Lande. Melanies unabhängiger Lebensstil, ihre gelegentlichen Auftritte mit Herrenhut und Trenchcoat und ihre distanzierte Haltung gegenüber der jüdischen Kultur boten der Verwandtschaft reichlich Stoff für Gerüchte. Sie begann ein Medizinstudium in Wien. 1927 wechselte die bereits 39jährige im fünften Semester nach Innsbruck, das sie 1930 wieder verließ. Ihre Promotion legte sie am 20. November 1936 in Wien ab, hat jedoch nie als Ärztin gearbeitet und sich nirgends niedergelassen.
Nach dem Tod der Mutter zog Melanie endgültig 1938 in den Haushalt des 83jährigen Vaters. Guido Adler wollte angesichts seines hohen Alters nicht mehr die Mühe und Ungewissheit der Flucht auf sich nehmen, obwohl sich durch Freunde im Ausland die Möglichkeit geboten hätte. Melanie Adler blieb daher mit ihrem pflegebedürftigen Vater in Wien. Von seiner Tochter von allen unangenehmen Nachrichten fürsorglich abgeschirmt, starb Guido Adler am 15.2.1941 eines natürlichen Todes. Sein Erbe umfasste neben dem Haus und Kunstgegenständen vor allem die musikwissenschaftliche Bibliothek, die neben seltenen wissenschaftlichen Werken auch Korrespondenzen mit Komponisten jener Zeit, unter anderem mit Brahms, Bruckner, Richard Strauss, Alma und Gustav Mahler enthielt. Guido Adlers Nachfolger, Erich Schenk, setzte sofort Maßnahmen, diesen Besitz für sein Institut sicherzustellen. Durch Melanie Adlers Versuche, ihr Erbe zu retten bzw. wenigstens als geschlossene Sammlung zu verkaufen, geriet sie zusehends in das Blickfeld der Gestapo, nicht zuletzt, da auch andere Wiener Einrichtungen Teile dieses jüdischen Besitzes beanspruchten und eine „Arisierung“ anstrebten. Mit Hilfe des Innsbruckers Rudolf von Ficker, einem Schüler ihres Vaters, führte sie Verkaufsverhandlungen mit der Stadtbibliothek München. Zugleich versuchte sie über ein Angebot an Winifried Wagner in Bayreuth, einen persönlichen Schutzbrief zu erhalten. Diese ergebnislosen Rettungsversuche dauerten bis Ende des Jahres, in den Weihnachtstagen 1941 verließ Melanie Adler die Dachwohnung in ihrem Haus und tauchte unter, wurde aber vermutlich im Mai 1942 entdeckt.
1945 schilderte Rudolf von Ficker anläßlich der Nachbesetzung der Innsbrucker Lehrkanzel in einem Memorandum, wie er am 8. Mai 1942 im musikwissenschaftlichen Seminar in Wien zufällig Zeuge wurde, „wie dort gerade die Bibliothek Adlers samt allen persönlichen Dokumenten und Zubehör abgeladen und aufgestapelt wurde. Prof. Schenk, den ich vorher nicht kannte, teilte mir zur Aufklärung mit, Frl. Adler habe sich ‚saudumm‘ benommen, sie habe sich gegen das Gesetz vergangen, weil sie gegen die von ihm bei der Gestapo bewirkte Beschlagnahme der Bibliothek protestiert hätte. Sie sei jetzt geflüchtet, werde jedoch von der Gestapo schon gefunden werden und dann heiße es: ‚Marsch, nach Polen!‘“ Am 20. Mai 1942 wurde Melanie Adler nach Minsk deportiert und im Lager Maly Trostinec am 26. desselben Monates ermordet.
Ihrem in die USA emigrierten Bruder, Hubert Joachim Adler, gelang es, das „arisierte“ Eigentum seines Vaters zum Teil wieder zurück zu bekommen. Er verkaufte den Nachlass an das Department of Music an der University of Georgia in den USA.
Im Jahr 2000 bot der Sohn von Melanie Adlers Rechtsanwalt, der sie in der Erbsache nicht zu ihrem Vorteil vertreten hatte, dem Auktionshaus Sotheby’s eine bis dahin verschollen geglaubte handschriftliche Partitur Gustav Mahlers, die mit einer persönlichen Widmung an Guido Adler versehen war, zum Kauf an. Dies führte zu weiteren Restitutionsverhandlungen mit dem Enkel, Tom Adler, aber auch zu einer Aufarbeitung der Familiengeschichte.
Text: Renate Erhart
Literatur:
- Tom Adler, Anika Scott, Lost to the World, Philadelphia 2002.
- Rudolf von Ficker, Memorandum. Igls bei Innsbruck, am 29.10.1945. Universitätsarchiv Innsbruck.
Am 1. April 1943 richtete die 18-jährige Innsbruckerin Lydia von Weiskopf-Weiskoppen ein Ansuchen um Zulassung zum Medizinstudium an das Rektorat der Universität Innsbruck. Während ihr Schreiben keinerlei Hinweise auf Motivation oder Eignung für das gewählte Fach enthielt, gab es ausführlich Auskunft über die errungenen militärischen Verdienste der Verwandtschaft im Ersten Weltkrieg und im aktuellen Kriegsgeschehen. Darüber hinaus wurde auf Osttiroler Erbhof-Bauern und bürgerliche Sudetendeutsche als Ahnen verwiesen. Das Rektorat bewilligte für das Sommersemester 1943 eine bedingte Zulassung. Eine definitive Entscheidung hing von der Zustimmung der Gauleitung ab, wohin man sich wandte, da Lydia Weiskopf auf Grund der Nürnberger Rassegesetze als "Mischling 2. Grades" galt. Ende September beendete der abschlägige Bescheid die kurze Laufbahn der Medizinstudentin. Einer Aktennotiz des Rektorats ist zu entnehmen, dass ihre Relegation nicht aus rassistischen Gründen erfolgte. Unmittelbarer Anlass bildete vielmehr, dass Lydia Weiskopf vom 4. bis 24. August 1943 im Gestapo-Gefängnis, das sich im ehemaligen Hotel Sonne am Innsbrucker Bahnhof befand, gewesen war. Sie hatte im Cafe Central gegenüber Bekannten gemeint, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen wäre und damit gegen das Heimtückegesetz verstoßen, das selbst harmlose Unmutsäußerungen zum Straftatbestand erklärte. Infolge einer Denunziation schaltete sich die Gestapo ein. Lydia Weiskopfs Bestrafung erfolgte unter dem Titel "vorläufige Festnahme", der es der Gestapo erlaubte, Verdächtige bis zu drei Wochen einzusperren, ohne die Justiz einschalten zu müssen.
Lydia Weiskopfs aus "arischer" Perspektive nicht lupenreine Abstammung ging auf ihre Großmutter zurück, die 1869 geborene, katholisch getaufte Betti Weiskopf-Weiskoppen, die als "Volljüdin" galt. Aufgrund ihres vorgerückten Alters wurde sie nicht wie das Gros der Tiroler Jüdinnen und Juden bereits 1938/39, sondern erst im September 1942 nach Wien zwangsumgesiedelt. Dass sie dem Schicksal, von dort in die Vernichtungslager im Osten deportiert zu werden, entkam und stattdessen in einem jüdischen "Altersheim" im II.
Wiener Gemeindebezirk die Befreiung erlebte, macht sie zu einem ganz erstaunlichen Ausnahmefall in der Geschichte der Verfolgung der österreichischen Jüdinnen und Juden.
Das Schicksal der Lydia Seka-Weiskopf wurde 2007 von ihrem Neffen Hermann Weiskopf verfilmt.
Text: Ingrid Böhler
Pharmaziestudent Stefan Kudera (1916 - 1944)
Am 27. Oktober 1941 wurde Stefan Kudera (geboren am 8. September 1916 in Dietfurt, „Provinz Warthegau“, „Staatsangehörigkeit: Volksdeutscher aus dem ehemaligen Polen“, auch „staatenlos“) als Student der Pharmazie an der Philosophischen Fakultät der Universität Innsbruck immatrikuliert. Er hatte zuvor an der Universität Posen studiert und stand nun im 6. Semester. Nachträglich wurde sein Innsbrucker Studium am 4. Dezember 1941 vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung genehmigt. In Myslowitz (nahe Kattowitz, Polen [„Oberschlesien“]), dem Wohnort der Familie Kudera, hatte er die Matura am polnischen klassischen Gymnasium abgelegt. Sein Vater Bruno Kudera, Rechtsanwalt, lebte zu diesem Zeitpunkt noch. 1942 scheint im Inskriptionsblatt die Mutter Johanna Kudera als Witwe auf. Im Gasthof „Templ“ in der Innsbrucker Templstraße 32 bezog Stefan Kudera sein Studentenquartier, später im Gasthof „Sailer“ in der Adamgasse. Am 26. Juli 1943 hat Stefan Kudera, der am 2. Juli 1943 exmatrikulierte, die pharmazeutische Diplomprüfung „mit dem Gesamturteil gut“ abgeschlossen.
Medizinstudent Marian Kudera (1923 - 1944)
Von der Anichstraße 44 weg, wo Stefan Kudera etwa seit Mitte 1943 wohnhaft war, wurde am 21. Februar 1944 sein jüngerer, am 5. August 1923 geborener Bruder Marian Kudera als Leiter einer Widerstandsgruppe von Polen in Tirol verhaftet. In den Matrikeln der Universität Innsbruck lässt sich Marian Kudera nicht als Medizinstudent nachweisen. Möglicherweise ist er als Helfer an das Krankenhaus Innsbruck gekommen. Marian Kudera wurde bei der Gestapo Innsbruck, Herrengasse 1, von Kriminalsekretär Güttner, SS-Untersturmführer Hinterhuber und Kriminalassistent Pechlaner bestialisch gefoltert. (Bericht des Anstaltarztes auf „wikipedia“ nachzulesen.) Am 28. April 1944 wurden die Brüder Kudera mit anderen Polen in das KZ Dachau eingeliefert und dort am 19. Juli 1944 hingerichtet.
Literatur und Quellen:
- Johann Holzner, Anton Pinsker, Johann Reiter, Helmut Tschol (Bearb.), Zeugen des Widerstandes, Innsbruck-Wien-München 1977, 47.
- Gerhard Oberkofler, Das Martyrium eines polnischen Widerstandskämpfers in Tirol, in: Weg und Ziel 1980, 32f.
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945, Bd. 1, Wien 1984, 399-402, 547, 551 (Abschnitt bearbeitet von Andreas Maislinger)
- Eduard Rabofsky und Gerhard Oberkofler, Verborgene Wurzeln der NS-Justiz, Wien 1985, 23-26.
Universitätsarchiv Innsbruck, Pharmazeutische Inskriptionsblätter und pharmazeutisches Prüfungsprotokoll Stefan Kudera.
- Online-Eintrag „Marian Kudera“ auf „wikipedia“: http://de.wikipedia.org/wiki/Kudera
Nach dem Besuch des Gymnasiums der Ursulinen begann Käthe Frankl im WS 1921/22 ein Medizinstudium in Innsbruck, das sie nach einigen Semestern in Berlin, am 23.10.1926 mit der Promotion in Innsbruck beendete. Danach kehrte sie als Volontärärztin nach Berlin an die Nervenklinik der Berliner Charite unter Karl Bonhoeffer zurück und begann gleichzeitig eine Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut. 1929 heiratete sie den jüdischen Oberarzt an der Charité, Walter Misch (1889-1943), zwei Jahre später wurde ihre Tochter Sybil geboren. 1933 wurde Käthe Misch Mitglied der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung, wo sie zur Gruppe linker Psychoanalytikerinnen um Otto Fenichel gehörte. Käthe und Walter Misch emigrierten nach dem Reichstagsbrand 1933 zunächst nach Paris, dann weiter nach England, wo Käthe Misch einen britischen medizinischen Abschluss erwarb. Ab 1933 war sie Mitglied der British Psycho-Analytical Society. Nach der Scheidung 1934 von ihrem ersten Mann heiratete sie 1937 Georg Friedländer, einen jüdischen Radiologen aus Breslau.
Schon früh galt ihr Interesse der Kinderpsychoanalyse, der jugendlichen Delinquenz, der Weiblichkeit und dem Masochismus. Seit 1929 war sie Sachverständige am Berliner Jugendgericht, in London setzte sie ihre Arbeit als Psychiaterin am Institute for the Scientific Treatment of Delinquency fort. Im Herbst 1946 initiierte sie das West Sussex Child Guidance Service, eine Einrichtung, die zusammen mit dem von Anna Freud aufgebauten Hampstead Child Therapy Course für die psychoanalytische Ausbildung von Kinderanalytiker/inne/n weltweiten Ruf erlangte. 1947 erschien ihr Hauptwerk The Psycho-Analytical Approach to Juvenile Delinquency, in der sie ihren interdisziplinären Ansatz weiter ausbaute. Kate Friedländer starb 1949 an Lungenkrebs.
Text: Renate Erhart
Literatur:
• Mühlleitner, Elke: Friedländer Kate. In: Brigitta Keintzel / Ilse Korotin (Hrsg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Wien 2002, 203-205.
• http://www.psychoanalytikerinnen.de/index.html?england_biografien.html, dort: Abb. aus Haager, Jutta: Kate Friedländer (Diss.), Köln 1986, Anhang.
Irene Link (1908 - 1986)
Am 5. November 1908 kam Irene Link als Tochter des Hohenemser und später Innsbrucker Rabbiners Dr. Josef Link in Hohenems zur Welt. Seit 1914 lebte die Familie in Innsbruck.
Der 1905 geborene Bruder Ernst promovierte im November 1926 zum Doktor der Staatswissenschaften und dreizehn Monate später zum Doktor der Rechte. Irene beendete das 1927 begonnene Medizinstudium im März 1933. Beide waren Mitglieder zionistisch orientierter Vereine, Irene bei der Innsbrucker Ortsgruppe des jüdischen Jugendbundes Blau-Weiß, Ernst beim Sportklub Hakoah. Im Jahr 1932 erkrankte der Vater Dr. Josef Link an Magenkrebs, woran er am 7. November desselben Jahres verstarb.
Irene begann nach der Promotion eine Facharztausbildung für Psychiatrie. Für kurze Zeit arbeitete sie als Assistenzärztin an der Universitätsklinik in Innsbruck, von 1933 bis 1938 im Nervenkrankenhaus Maria Theresien-Schlössel in Wien. Mutter Helene Link, die inzwischen auch in Wien lebte, erhielt im Dezember 1938 eine Ausreisebewilligung, gelangte über Triest nach Palästina zu ihren Söhnen und verstarb 1962 bei ihrer Tochter in den USA.
Irene Link hatte Dr. Max Hitschmann, einen Wiener Juristen, geheiratet. Hitschmann war nach den Novemberpogromen für kurze Zeit im Konzentrationslager Dachau interniert gewesen. Er wurde entlassen und mußte sofort mit seiner Frau emigrieren. In Shanghai fand das Ehepaar ein erstes Exil und im April 1940 erhielten sie die Einreisebewilligung in die Vereinigten Staaten. Dr. Irene Hitchman-Link arbeitete nach ihrer Ankunft in den USA zunächst als Krankenschwester bis sie ihre Prüfungen wiederholt hatte und als Psychiaterin tätig sein durfte. Von 1941 bis 1962 war sie am Springfield State Hospital in Baltimore tätig, anschließend bekleidete sie bis 1968 den Posten eines Director of Hospital Inspection and Licensure, von 1969 bis 1974 den eines Deputy Commissioner beim Maryland State Department of Mental Hygiene. 1946 wurde die einzige Tochter Eve geboren.
Text: Renate Erhart
Literatur:
• Böhler, Ingrid: Der „Landesrabbiner“: Dr. Josef Link und seine Familie. In: Albrich, Thomas (Hg.): „Wie lebten wie sie …“: jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg. Innsbruck 1999, 27-52.
• Sella, Gad Hugo: Die Juden Tirols. Ihr Leben und Schicksal. Tel Aviv 1979, 111.
• Hershfield, Bruce (ed.): Obituary Irene L. Hitchman, MD. Maryland Psychiatrist, November 1986, Vol. 13/5/5, Abbildung.
Als Carl Friedrich Lehmann-Haupt im Jahr 1918 auf den Lehrstuhl für Alte Geschichte in Innsbruck berufen wurde, hatte er bereits eine bewegte Karriere hinter sich. 1861 in eine Hamburger Künstler und Gelehrtenfamilie geboren, hatte er sich nach dem Studium der Rechte den alten Kulturen zugewandt. Dabei verband er Kenntnisse über die griechisch-römische Welt mit Keilschriftstudien. 1898/99 unternahm er eine abenteuerliche Expedition nach Armenien, womit damals auch die östlichen Teile der Türkei und der Nord-Irak gemeint waren. Unter anderem entdeckte Lehmann-Haupt in Van Festungsbauten und Inschriften aus dem neunten bis siebenten Jahrhundert v.Chr., Zeugnisse eines bis dahin fast unbekannten Volkes, das wir heute als Urartäer bezeichnen.
Diese Leistungen brachten ihm Professuren in Berlin und dann in Liverpool ein, was die vor dem Ersten Weltkrieg bereits vorhandene Internationalität der Wissenschaft zeigt. Nach dem Kriegsausbruch 1914 ging Lehmann-Haupt an die Universität Istanbul, also in die Hauptstadt des Verbündeten am Bosporus, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches dann nach Innsbruck, wo er bis 1935 lehrte. Wissenschaftlich bearbeitete er weiter das umfangreiche Material seiner Forschungsreise, außerdem vor allem die Geschichte der Maßsysteme und des Kalenders und damit Fragen des Kulturtransfers aus dem Orient nach Europa, außerdem redigierte er die von ihm begründete, bis heute renommierte althistorische Fachzeitschrift ‚Klio’.
Politisch hatte er sich im Ersten Weltkrieg ganz auf die deutsch-nationale Seite gestellt, in seiner Innsbrucker Zeit verfocht er dann energisch die Sache der Armenier, die Opfer von Krieg und Vertreibung geworden waren. Manches hatte er ja in Istanbul aus der Nähe wahrgenommen.
Seine Frau Theresia (Theresie), geborene Haupt, geboren am 12. Februar 1864 in Posen, trat dort als Schriftstellerin hervor. Ihre Erzählungen über Kinder konnten auch Zeitgeschichte transportieren, wie jene über die Schicksale eines zwölfjährigen armenischen Jungen.
Deutschnational, wie beide seit Jahrzehnten eingestellt waren, begrüßten sie den Tag des ‚Anschlusses’ im Jahre 1938, und mussten doch feststellen, dass sich der neue Geist gegen sie wandte. Das ‚Gaurechtsamt’ forschte in den Genealogien beider Ehepartner nach jüdischen Vorfahren, und sein regimetreuer Nachfolger widmete ihm nicht einmal einen Nachruf in der ‚Klio’, nachdem er am 24. Juli 1938 an einem Herzleiden verstorben war. Nach der „Reichskristallnacht“ im November 1938 hielt seine Witwe der Last nicht mehr stand und suchte am 29. November den Freitod durch Einnahme von Schlafmitteln. Das Paar hinterließ zwei Kinder (einen Sohn und eine Tochter), die beide in den USA Kariere machten.
Text: Günther Lorenz
Literatur:
- Günther Lorenz: Carl Friedrich Lehmann-Haupt, in: R. Bichler (Hg.): 100 Jahre Alte Geschichte in Innsbruck. Franz Hampl zum 75. Geburtstag (= Veröffentlichungen der Universität Innsbruck 151), Innsbruck 1985, 33 - 45 und 102 f.
Studierende: Emmerich Übleis – Christoph Probst – Walter Krajnc

Emmerich Übleis (geboren am 9. Jänner 1912 in Klagenfurt, aufgewachsen als Sohn eines Eisenbahners in Leobersdorf an der niederösterreichischen Südbahn) bekämpfte den europäischen Faschismus von Wiener Studientagen an. Übleis war seit 1932 Republikanischer Schutzbündler, verließ die Sozialdemokratie aber aus Enttäuschung über deren zauderndes Verhalten in der Abwehr des „Austrofaschismus“. 1933 setzte Übleis „arm wie eine Kirchenmaus“ sein Chemiestudium in Innsbruck fort und ging zu der in die Illegalität verdrängten Tiroler KPÖ über. 1935 als maßgeblicher KP-Aktivist zu einer mehrmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde Übleis am 26. September 1935 von der Innsbrucker Universitätsbehörde „auf immer“ vom Studium ausgeschlossen. 1937 trat Übleis in den militärischen Kampf gegen den spanischen Franco-Faschismus ein, um ab 1941 auf Seite der Sowjet-Partisanen gegen das nationalsozialistische Deutschland für die Freiheit seiner österreichischen Heimat zu kämpfen. Sein Schicksal ist ungeklärt.
(Eduard) Walter Krajnc (geboren am 22. Februar 1916 in Steinach am Brenner) ist in Hall in Tirol aufgewachsen. Nach Matura am Haller Gymnasium studierte Walter Krajnc ab 1934 an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck. Am 26. November 1938 wurde er zum Dr.jur. promoviert. Er war Mitglied der Katholischen Hochschulverbindung „Vindelicia“. Als Angehöriger der Wehrmacht weigerte sich Krajnc in Frankreich an Geiselerschießungen teilzunehmen. Gleichzeitig wurden seine Kontakte zur Resistance aufgedeckt. Im Kriegsgerichtsverfahren weigerte er sich Namen von Widerstandskämpfern preiszugeben. Krajnc wurde am 29. Juli 1944 hingerichtet. In Hall-Schönegg erinnert eine Straßenbezeichnung an Krajnc.
Christoph Probst (geboren am 6. November 1919 in Murnau in Oberbayern) studierte im Wintersemester 1942/43 an der Universität Innsbruck Medizin. Als Mitglied der um die Geschwister Scholl organisierten Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ wurde Probst am 22. Februar 1943 hingerichtet. Ein „Dreierausschuss“ des Rektorats der Universität Innsbruck erließ am Tag der Hinrichtung ein „Erkenntnis“, wonach Probst „dauernd vom Studium an allen deutschen Hochschulen ausgeschlossen“ wird. Probst hatte in einem Flugblatt die verbrecherische Kriegspolitik des NS-Regimes und der deutschen Wehrmacht gegeißelt und die Perspektive eines demokratischen Deutschland nach dem Sturz Hitlers vermittelt. Seit 1983 erinnert eine Gedenktafel am „Ehrenmal“ an Christoph Probst. 1994 wurde der Platz vor dem Universitätshauptgebäude nach Christoph Probst benannt.
Literatur:
- Eduard Grünewald, Unser Gedenken an Christoph Probst, in: Das Fenster 56 (1994), 5390-5392.
- Paul Torggler, Sebastian Posch, Fritz Thöni (Hg.), 100 Jahre A.V. Vindelicia, Innsbruck 2001, 85.
- Peter Goller und Gerhard Oberkofler, Emmerich Übleis (1912-1942). Kommunistischer Student der Universität Innsbruck. Antifaschist - Spanienkämpfer - Sowjetpartisan, Innsbruck 2000.
- Zum Innsbrucker Theologiestudenten Hannsgeorg Heintschel-Heinegg siehe: http://www.uibk.ac.at/ipoint/news/uni_und_studium/20041206.html
Helene Wastl (1896-1948)

Helene Wastl begann im Wintersemester 1916/17 an der medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck als eines von insgesamt 11 Mädchen mit dem Medizinstudium. Bereits ab dem dritten Semester erlangte sie eine Anstellung als "Demonstrator" am Institut für Physiologie unter Ernst Theodor Brücke (1880-1941). Auch die letzten beiden Studiensemester, 1921/22, war sie als Hilfsassistentin an diesem Institut beschäftigt. Gemeinsam mit Brücke entstand ihre erste wissenschaftliche Arbeit. Der angesehene Physiologe war 1916 nach Innsbruck berufen worden und machte das physiologische Institut zu einer international renommierten Forschungsstätte. Nach seiner aus „rassischen“ Gründen erfolgten Vertreibung von seiner Innsbrucker Lehrkanzel 1938 wirkte Brücke, in zweiter Ehe mit einer der ersten Wiener Gynäkologinnen, Dora Teleky verheiratet, an der Universität Harvard.
Wie im Gymnasium zeigte Helene Wastl an der Universität außergewöhnliche Leistungen. Alle drei medizinischen Rigorosen legte sie mit dem Hauptkalkül "ausgezeichnet" ab und wurde am 11. Februar 1922 als zweite Inländerin an der medizinischen Fakultät Innsbruck zum Dr.med. promoviert. Vor Helene Wastl hatten in Innsbruck nur fünf Frauen in Medizin promoviert: bis 1918 vier Ausländerinnen, die erste Wilhelmine Schönthaler aus Njmwegen in Holland, wobei es sich genau genommen um die Nostrifikation eines ausländischen Doktorgrades handelte.
Erste habilitierte Medizinerin
Nur wenigen Absolventinnen gelang es, sich im Wissenschaftsbetrieb zu etablieren. Umso außergewöhnlicher ist daher der Werdegang von Helene Wastl. Bereits während ihres Studiums knüpfte sie internationale Kontakte und unternahm mehrere Auslandsreisen. Mit April 1922 trat sie beim bedeutenden Physiologen Arnold Durig (1872-1961) eine Stelle als außerordentliche Assistentin am Institut für Physiologie der medizinischen Fakultät Wien an. Mit der Habilitationsschrift: "Über die Wirkung des Adrenalins und einiger anderer Inkrete auf die Kontraktionen des Warmblütler-Skelettmuskels" sowie der Vorlage von über 40 wissenschaftlichen Abhandlungen zu den Themen physikalische und chemische Eigenschaften des Blutes wie die Senkungsgeschwindigkeit, Ernährungsfragen und der Reizphysiologie, erhielt Helene Wastl 1930 die Lehrbefugnis für Physiologie und war damit die erste habilitierte Medizinerin an der Medizinischen Fakultät Wien. Arnold Durig kam in seiner Begutachtung zum Schluss: „Die vorliegende Abhandlung ist eine ernste wissenschaftlich durchgeführte und auch die Erkenntnis fördernde Schrift mit positiven Ergebnissen, die den Anforderungen, welche an eine Habilitationsschrift zu stellen sind, vollkommen entspricht“ und lobte zudem Wastls pädagogische Fähigkeiten.
Wissenschafterin mit starker internationaler Orientierung
Mit der Berufung an das Women's Medical College of Pennsylvania, Philadelphia und der Leitung der dortigen Lehrkanzel für Physiologie gelang es Helene Wastl als Professorin in den USA Fuß zu fassen. Weitere Forschungsarbeiten führten sie an das Department of Physiology and Biochemistry, Cornell University, Ithaca, New York und später an das Hahnemann Medical College, Philadelphia.
1943 wurde Helene Wastl von der Universität Innsbruck das Doktorat "wegen Ausbürgerung" aberkannt. Zu dem 1960 eingeleiteten Wiederverleihungsverfahren kam es aufgrund ihres Todes nicht mehr. Sie starb vermutlich im Sommer 1948, das genaue Todesdatum konnte bisher nicht eruiert werden.
Helene Wastl war für einige Jahre mit dem Physiologen Franz Lippay (1897-1965) verheiratet, der ab 1923 als Demonstrator und später als Assistent zu Wastls Kollegen am Wiener physiologischen Institut zählte. Die Hochzeit fand am 9. Juli 1932 in Wien statt. Wastl behielt aber ihren Mädchennamen bei. Lippay blieb in Wien und habilitierte sich 1933 bei Arnold Durig für Physiologie. Er wurde 1938 aus „rassischen“ Gründen von der Universität Wien vertrieben und emigrierte im März 1939 nach Australien.
Medizinstudium für Frauen ab 1900
Erst ab September 1900 war es für junge Frauen in Österreich möglich, ein Medizinstudium zu absolvieren. 1907 wurden sie zum Universitätsassistentendienst, 1919 generell zur Habilitation zugelassen. An der medizinischen Fakultät Innsbruck gab es die ersten Hospitantinnen im Studienjahr 1906/07, die erste ordentliche Hörerin wurde im Sommersemester 1911 immatrikuliert. Die erste Promotion erfolgte 1915. Noch 1927 äußerte sich der damalige Rektor der Universität Innsbruck, Ernst Theodor Brücke, im Jubiläumsband „Dreißig Jahre Frauenstudium“ sehr positiv zum Frauenstudium, bedauerte aber, dass bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Ärztin eine Praxis in Innsbruck eröffnet habe. Bis in die 1970er Jahre gab es an der Medizinischen Fakultät Innsbruck keine habilitierte Frau.
Helene Wastl zählt zu den Pionierinnen der medizinischen Wissenschaften, die sich als eine der ersten Studium, wissenschaftliche Karriere und internationale Mobilität erschlossen hat. Ihr beeindruckender Werdegang und vor allem die erfolgreiche Habilitation bedeuteten einen Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Frauen im Wissenschaftssystem. Um der Wertschätzung für ihre Leistungen Ausdruck zu verleihen, wurde sie als Namenspatronin und „symbolische Mentorin“ für das Innsbrucker Medizin Mentoring-Programm ausgewählt.
Text: Claudia Beyer
Literatur:
- Susanne Lichtmannegger, „Helene Wastl (1896 – 1948) – Eine der ersten Medizinerinnen“, in: Horst Schreiber, Ingrid Tschugg, Alexandra Weiss (Hg.), Frauen in Tirol. Pionierinnen in Politik, Wirtschaft, Literatur, Musik, Kunst und Wissenschaft, Innsbruck 2003, S. 205ff.
- Sonia Horn, Gabriele Dorffner, „… männliches Geschlecht ist für die Zulassung zur Habilitation nicht vorgesehen.“ Die ersten an der medizinischen Fakultät der Universität Wien habilitierten Frauen, in: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller, Sonia Horn (Hg.), Töchter des Hippokrates. 100 Jahre akademische Ärztinnen in Österreich, Wien 2000, S. 117-138.
- Maria Steibl, Frauenstudium in Österreich vor 1945. Dargestellt am Beispiel der Innsbrucker Studentinnen, Phil. Dissertation, 2 Bände, Innsbruck 1985 [Band II: Verzeichnis aller bis 1945 an der Universität Innsbruck studierenden Inländerinnen].
Links:
Karl Wolff (1890-1963)
Karl Wolff, 1915 an der Universität Wien mit einer Arbeit „Die Belastungsübernahme“ habilitiert, zählt zu den Protagonisten der österreichischen Zivilrechtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Wolff, der 1918 als Wiener Privatdozent noch an die k.k. Universität Czernowitz berufen worden war, trug bei seiner Berufung nach Innsbruck 1921 in das „Goldenen Buch“ der Universität Innsbruck ein:
„Als trotz aller Demüt[ig]ungen der deutsche Charakter dieser Universität nicht zu retten war, verließ ich mit den anderen deutschen Kollegen die mir liebgewordene Hochschule und folgte einem Rufe nach Innsbruck als ‚Honorardozent’. Mit Rechtswirksamkeit vom 1.X.1921 wurde ich zum ordentlichen Universitätsprofessor der Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Innsbruck ernannt.“
Als die Universität Innsbruck am 22. April 1933 über die „Aufnahme von Juden“ und einen weitergehenden politischen Numerus-Clausus beraten hat, schlug der von den nationalsozialistisch gesinnten Studenten schon angefeindete Karl Wolff in Anwesenheit der Dekane der drei „weltlichen Fakultäten“ und der Studentenvertreter in einem einleitenden Referat erläuternd vor: „Inländer haben Anspruch, Ausländer nicht; Juden, komm[unistische]. u[nd]. sozialdemokr[atische]. Agitatoren sind unerwünscht.“ Zur Rolle der Studenten wurde vermerkt: „Studentensch[aft]. wird Dekanate nach Möglichkeit unterstützen, insbes. falsche Angaben über Bekenntnis. Agitatorische Betätigung.“
Trotzdem sprach der nationalsozialistisch gesinnte Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck, der Nationalökonom Adolf Günther 1938 nur mehr mit Verachtung vom Wirken des „jüdischen Professors Wolff“, dessen Personalpolitik nun rasch zu korrigieren sei, so habe Wolff die Ernennung des „Parteigenossen“ Ferdinand Ulmer auf eine Professur verhindert: „Ulmer ist seit 1934 Parteigenosse und stand zur Verwendung des Gauleiters und Landeshauptmannes Christoph.“ In den 1960er Jahren war Ulmer, einer der Profiteure des Nationalsozialismus, dann Rektor der Universität Innsbruck.
Dekan Günther kam es gelegen, dass er dem „Halbjuden“ Wolff die Professur wegnehmen und unter Berufung auf ein Gutachten Franz Gschnitzers den eben im Windschatten der NS-Truppen nach Österreich zurückgekehrten Zivil- und Handelsrechtler Hermann Hämmerle Ende April 1938 an Wolffs Stelle vorschlagen konnte:
„Ich darf noch zum Ausdruck bringen, wie dankbar die Fakultät, und ich als Dekan im besonderen, für die schnelle zur Verfügungstellung der wissenschaftlich, menschlich und politisch gleich wertvollen Kraft, die Professor Hämmerle darstellt, sind.“
Der Zivil- und Handelsrechtler Hermann Hämmerle, der nach Adolf Günthers Berufung nach Wien dessen Personalpolitik im nazistischen Sinn verschärfte, musste zwar 1945 die Universität Innsbruck verlassen, erhielt aber dann eine lukrative Professur an der Universität Graz.
Über Wolff notierte der kommissarische Juristendekan Adolf Günther im Sommersemester 1938 nur mehr:
„Der ordentliche Professor des österreichischen zivilgerichtlichen Verfahren[s] Dr. Karl Wolff, wahrscheinlich Halbjude, ist verhaftet und hat ebenfalls um Beurlaubung nachgesucht. […] Vom Standpunkt der Fakultät aus erschiene die Pensionierung als hinreichend, aber auch als notwendig.“
Wolff wurde auf einen minimalen „Unterhaltsbeitrag“ herabgesetzt, er überlebte die NS-Jahre in Wien als Nachhilfslehrer und Gehilfe in einer Anwaltskanzlei. Nach der Befreiung 1945 zum Ordinarius in Wien berufen, wirkte er jahrelang auch als Vizepräsident des Verfassungsgerichtshofs. Sein Lehrbuch des österreichischen bürgerlichen Rechts prägte viele Studentengenerationen.
Ludwig Hörbst – Richard Stöhr – Martin Henze – Leo Haslhofer – Franz Schmuttermayer – Leo Kumer – Hubert Urban



An der medizinischen Fakultät Innsbruck wurden nach dem „Anschluss“ – neben den bereits porträtierten Professoren Gustav Bayer, Ernst Theodor Brücke und Wilhelm Bauer – weitere Angehörige des wissenschaftlichen und ärztlichen Personals aufgrund politischer Weisung entfernt.
So erklärte Ludwig Kofler, Pharmakognosieordinarius und Gaudozentenbundführer, Anfang Mai 1938 gegenüber Mediziner-Dekan Franz Josef Lang: „Ich ersuche folgenden Hilfsärzten mit Rücksicht auf ihre politische Einstellung zu kündigen: Dr. Anton Liener, Dr. Johann Guberth, Dr. Josef Bergmann, Dr. Josef Hackhofer.“
Über den Assistenten Ludwig Hörbst (1903-1981) wurde mit der Begründung „war in Schutzhaft und infolgedessen enthoben“ am 23. April 1938 die Entlassung ausgesprochen. Nach 1945 konnte Hörbst die vakante Lehrkanzel der Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde übernehmen. Von 1953 bis 1955 war Hörbst Dekan der Medizinischen Fakultät, 1964/65 Rektor der Universität Innsbruck.
Auf Druck der nationalsozialistischen Studentenvertreter wurde der Ordinarius der Medizinischen Chemie Martin Henze (1873-1956) im April 1938 „für den Rest des Sommer-Semesters als untragbar bezeichnet“. Henzes Assistent Richard Stöhr (1902-1991), der 1945 in die Professur seines Lehrers einrücken konnte, wurde verfolgt, da er mit einer „Halbjüdin“ verheiratet war. Rektor Harold Steinacker machte die ns-rassistischen Kategorien wie selbstverständlich zu universitätseigenen Denkbegriffen, wenn er am 6. Juni 1939 erklärte:
„Der Privatdozent Dr. Richard Stöhr hat als solcher keinen Beamtencharakter. Er würde einen solchen erst durch Verleihung einer Dozentur der neuen Ordnung empfangen. Dies wird aber nicht wohl möglich sein, denn er ist mit einer Halbjüdin verheiratet. Er hat daher noch 1938 seine Assistentenstelle zurückgelegt.“
Dem vormaligen Innsbrucker Assistenten der Pathologischen Anatomie Leo Haslhofer (Jg. 1901), später Primarius am Krankenhaus der Stadt Wien-Lainz, wurde die Innsbrucker Lehrbefugnis im Zuge eines Umhabilitationsgesuchs an die Universität Wien Ende 1938 entzogen. Der Dekan der Medizinischen Fakultät Wien Eduard Pernkopf schrieb am 3. November 1938 an seinen Innsbrucker Amtskollegen:
„Der mit dem Titel eines außerordentlichen Professors bekleidete Privatdozent für pathologische Anatomie an der Universität Innsbruck, Dr. Leo Haslhofer, hat h.o. um die Verleihung der venia legendi für pathologische Anatomie als Privatdozent der Universität Wien angesucht. Der NSD Dozentenbund hat diese Habilitation aus politischen Gründen abgelehnt. Ich beehre mich die Anfrage zu richten, ob die Universität Innsbruck bzw. der dortige NSD Dozentenbund die venia legendi dem Dr. Haslhofer bezw. den Titel eines a.o. Professors beläßt oder zu entziehen beabsichtigt.“
Gaudozentenbundführer Ludwig Kofler ersuchte den Innsbrucker Dekan daraufhin am 19. November 1938:
„Ich bitte, dem Dr. Haslhofer die venia legendi und den Titel eines a.o. Professor zu entziehen, da Dr. Haslhofer ein aktiver Vertreter der Systemregierung war.“
Rektor und Dekan stimmten zu.
Gegen Franz Schmuttermayer, Assistent an der psychiatrisch-neurologischen Klinik, wurde am 18. November 1938 die „sofortige fristlose Entlassung“ ausgesprochen und ein Verfahren beim „Untersuchungsausschuß beim Reichsstatthalter“ beantragt, da ihm die NS-Behörden vorwarfen, schon 1935 den Salzburger Erzbischof und das austrofaschistische Unterrichtsministerium über zunehmende illegale NS-Aktivitäten von Innsbrucker Klinikärzten und Dozenten (vor allem jene des Psychiaters Otto Reisch) informiert zu haben. Der Medizinerdekan Lang erklärte im November 1938 gegenüber Schmuttermayer: „Über Einschreiten des NSD-Dozentenbundes sehe ich mich veranlaßt, Sie mit sofortiger Wirkung von ihrem Dienst zu entheben.“ Nur Tage zuvor hatte der ehemalige Innsbrucker Physiologiedozent und nunmehrige nationalsozialistische Staatskommissär für Erziehung, Kultus und Volksbildung Friedrich Plattner von Rektor Harold Steinacker die Entlassung Schmuttermayers gefordert:
„In der Anlage übersende ich Ihnen Photokopie eines Schreibens, das Dr. Franz Schmuttermayer im Jahre 1935 an den Erzbischof von Salzburg gerichtet hat. Aus diesem Schreiben geht wohl eindeutig hervor, daß Schmuttermayer dem Erzbischof mehrfach über Kollegen Bericht erstattet hat. Daß diese Berichte vom System verwertet wurden, geht daraus hervor, daß dieser Brief in der Spezialkorrespondenz [Unterrichtsminister Hans] Pernters hier aufgefunden wurde. Ich erachte es für unerläßlich, daß gegen Schmuttermayer auf Grund dieses Tatbestandes mit Entlassung vorgegangen wird.“
Leo Kumer (1886-1951), 1928 ernannter Vorstand der dermatologischen Klinik, wurde im März 1938 wegen angeblicher „Führer“-Schmähung und wegen fehlender Distanz zur „Vaterländischen Front“ „auf Veranlassung der Ärzteschaft für einige Stunden in Schutzhaft genommen und enthoben“. Rektor Steinacker wollte aber Kumers Meriten um die deutschnationale Sache nicht vergessen. Kumer, der 1939 Primar am Wiener Wilhelminenspital werden sollte, gab folgende „Mitgliedschaft[en] in nationalen Verbänden“ an: „Wiener akad. Burschenschaft Silesia, Alldeutscher Verband, Verein deutscher Ärzte, Verband alter Burschenschafter, Schulverein Südmark, - Politische Betätigung: Großdeutsche Volkspartei“. In seiner Eingabe zugunsten Kumers gebärdete sich Steinacker am 16. Dezember 1938 als akademischer Antisemit:
„Die schwerwiegendste der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen hat sich nach den Rektoratsakten und den vom Dozentenbund durchgeführten Erhebungen als unzutreffend erwiesen. Es scheinen von seiner Seite wohl Ungeschicklichkeiten und ein gewisser Mangel an Widerstandskraft gegen den Druck des Systems vorzuliegen. Das Alles geht aber kaum über das Maß dessen hinaus, was vielleicht auch bei anderen im Amte belassenen Persönlichkeiten vorliegt und scheint mit dem Verlust des akademischen Lehramtes hart genug abgegolten. Jedenfalls wäre es nach meiner Meinung nicht gerechtfertigt Professor Kumer zu verwehren, seine Arbeitskraft und sein reiches ärztliches Wissen auf einem neuen Posten der Volksgesundheit zu widmen, besonders da die Dermatologie in der Ostmark ein besonders stark verjudetes und in der Ära Arzt-Kerl auch sonst mit politisch unzuverlässigen Elementen durchsetztes Fach ist. Unter diesen Umständen läßt es sich wohl schwer verantworten, einen hervorragenden arischen Fachmann auszuschalten.“
Unmittelbar nach dem „Anschluss“ 1938 war der erst wenige Wochen zuvor ernannte Professor der Psychiatrie und Neurologie Hubert Urban (1904-1997) entlassen worden, da er „gegen den ausdrücklichen Willen der Fakultät allein wegen seiner politischen Einstellung“ auf Grund eines Sondervotums der „Dienststelle der Vaterländischen Front an der Universität Innsbruck“ ernannt worden sei. Urban wurde 1945 neuerlich in seine Professur eingesetzt.
Paul Gaechter (1893-1983) – Aufhebung der Theologischen Fakultät
Paul Gaechter, am 1. März 1893 in Goldach bei Rorschach (Kanton St. Gallen/CH) geboren, besuchte nach der Primarschule zunächst in St. Gallen, sodann bei den Benediktinern in Engelberg das Gymnasium. 1910 brach er seinen Schulbesuch ab, übersiedelte nach Innsbruck um Jesuit zu werden, was in der Schweiz nicht möglich war. 1915 maturierte er in Kalksburg und studierte 1915-1922 in Innsbruck Philosophie und Theologie. 1922 wurde er zum Priester geweiht. 1923 promovierte er zum Doktor der Theologie. Es folgten Studien am Bibelinstitut in Rom (1923-1926), das Tertiatsjahr in Irland und Seelsorgsarbeit in England (1926-1927) sowie weitere Bibelstudien in Palästina (1927-1928). 1929 habilitierte er sich an der theologischen Fakultät in Innsbruck für das Fach Neues Testament. Im Mai 1938 wurde er von der Fakultät als Nachfolger des Jesuiten Urban Holzmeister für die neutestamentliche Lehrkanzel vorgeschlagen. Die Besetzung scheiterte jedoch an Interventionen des damaligen Rektors Steinacker, der seine politische Haltung gegen die Nationalsozialisten missbilligte. Konkret wurde ihm vorgeworfen, er habe sich 1937 abfällig gegenüber Adolf Hitler geäußert und diesen als den „Henker Deutschlands“ bezeichnet. Die Fakultät zog darauf den Vorschlag zurück. Paul Gaechter legte seine Venia legendi zurück.
Nach der Auflösung der theologischen Fakultät durch die Nationalsozialisten musste Gaechter im September 1938 das Land verlassen. In der Folge lehrte er bis 1940 Exegese in Indien und auf Ceylon. Weitere Lehrtätigkeiten übte er von 1940-1945 in China aus. 1946 kehrte Gaechter nach Innsbruck zurück und wurde als Ordinarius für Neues Testament an der theologischen Fakultät der Universität bestellt. Diese Tätigkeit übte er bis 1963 aus. – Gaechter war in Kreisen der Studierenden beliebt, galt aber als strenger Wissenschaftler und konservativer Exeget. Am 15. März 1983 verstarb Paul Gaechter in Innsbruck.
„Aufhebung“ der Theologischen Fakultät
Die nationalsozialistischen Machthaber lösten mit 22. Juli 1938 die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Innsbruck per Erlass auf. In diesem Schreiben wurde die „dienstrechtliche Behandlung der Professoren“ einer gesonderten Weisung vorbehalten. Sie bestand in der fristlosen Entlassung im September 1938, unter Verweigerung einer Pension. Es war dies der erste Eingriff in eine staatliche Universitätsfakultät der Katholischen Theologie in Österreich. Offensichtlich war Adolf Hitler gewillt, das österreichische Konkordat zu ignorieren und das Reichskonkordat auf die neue „Ostmark“ nicht auszudehnen. Proteste des für Tirol zuständigen Salzburger Fürsterzbischofs und des Jesuitenprovinzials blieben erfolglos. Papst Pius XI. errichtete in der Folge am 15. August 1938 im Theologischen Konvikt Canisianum eine kirchlich anerkannte theologische Fakultät in unmittelbarer Rechtskontinuität. Im November 1938 wies Gauleiter Hofer die Räumlichkeiten des Canisianums dem Oberfinanzpräsidenten zu. Die ausländischen Fakultätsmitglieder zogen darauf nach Sitten im schweizerischen Wallis, wo sie unter allerlei Schwierigkeiten den Krieg über die Fakultät weiterführten. Mit Jahresende mussten auch die „Inländer“ die Räume des Kollegiums verlassen. Im Jesuitenkolleg in der Sillgasse konnten allerdings bis zum 12. Oktober 1939 „im Geheimen“ weiterhin Vorlesungen abgehalten werden. Mit diesem Datum wurde das Kolleg von der Geheimen Staatspolizei wegen „staatsfeindlicher Haltung“ aufgelöst und dessen Besitz beschlagnahmt und über dort lebende Jesuiten ein „Gauverbot“ ausgesprochen. Der Großteil von ihnen wechselte an die Theologische Fakultät der Universität Wien.
Gleich nach Kriegsende, im Herbst 1945, nahm die Theologische Fakultät an der Universität Innsbruck ihre Lehrtätigkeit wieder auf.
Literatur:
- Emerich Coreth SJ, Paul Gaechter SJ †, in: Zeitschrift für Katholische Theologie 105 (1983), S. 332-336.
- Karl-H. Neufeld SJ, „Aufhebung“ und Weiterleben der Theologischen Fakultät Innsbruck (1938-1945), in: Zeitschrift für Katholische Theologie 119 (1997), S. 27-50.
Wilhelm Bauer (1886-1956)
Bereits um 1900 war der Antisemitismus stark ausgeprägt. Auch an der Universität Innsbruck zeugen zahlreiche Dokumente von einer tief verwurzelten akademischen Abneigung gegenüber Juden. Ende Mai 1900 kam es etwa zu antisemitischen Protesten gegen die Übergabe einer medizinischen Assistentenstelle an den Prager Arzt Richard Fuchs. Der zuständige Ordinarius Loewit wurde im Hörsaal mit studentischem Protest konfrontiert:
„Sie haben einen jüdischen Assistenten aufgenommen, die ganze deutsche Studentenschaft Innsbruck ist dadurch beleidigt, Entlassung desselben. (…) Neuerlicher Lärm, Entlassen, jüdische Rasse etc.“
Gegen die gleichzeitig erfolgte Berufung des Augenheilkundlers Stefan Bernheimer machte im Juni 1900 der „akademische Alpenklub“ mittels Eingabe an „den hochlöblichen akademischen Senat“ mobil:
„Der akademische Alpenklub Innsbruck bedauert die Ernennung des jüdischen Professors für Augenheilkunde, Dr. Bernheimer, und erwartet, dass die Professoren unserer Hochschule als deutsche Männer der Gefahr einer Verjudung derselben mit allem Nachdrucke entgegentreten werden.“
Im Windschatten solch antisemitischer Hetzkampagnen konnte sich der Zahnheilkundler Wilhelm Bauer, obwohl er seine Verdienste um die „deutsche Sache“ unter Protest der Innsbrucker Israelitischen Kultusgemeinde betont hatte, im Wintersemester 1924/25 nur mit Mühe habilitieren. Am 29. Jänner 1925 legten Vertreter der Burschenschaften „Brixia“, „Germania“, „Pappenheimer“ und der „Suevia“ dem Senat eine Resolution mit der Ankündigung vor, nichts unversucht zu lassen, „um unsere Universität vor einem jüdischen Lehrer zu bewahren“.
1933 zum Professor der Zahnheilkunde ernannt wurde Bauer nach dem „Anschluss“ im April 1938 wegen „jüdischer Abstammung“ entlassen. Seinen Kindern wurde das Weiterstudium an der Universität Innsbruck verwehrt. Wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste konnte Bauer in der Emigration das „Departement of Pathology of St. Louis University of Medicine“ übernehmen. Bauer blieb auch nach Kriegsende bis zu seinem Tod 1956 in den USA.
Bauers Vorgänger an der Innsbrucker Lehrkanzel, Bernhard Mayrhofer, 1933 mit 65 Jahren wegen seiner NS-Nähe aus dem Amt des Rektor magnificus heraus vorzeitig in den Ruhestand versetzt, bejubelte hingegen propagandistisch den Nationalsozialismus als den Wegbereiter einer neuen groß-elitären Innsbrucker „Grenzlanduniversität Süd“. In einem „Brief aus Innsbruck“, der am 30. Juni 1938 in der „Münchener Medizinischen Wochenschrift“ veröffentlicht wurde, schrieb Mayrhofer ganz Adolf Hitler ergeben:
„Dann hörten wir im Radio […] Schuschniggs Abdankung: ‚Ich weiche der Gewalt, Gott schütze Österreich!’ Diesen Schutz hatte aber inzwischen bereits der Führer übernommen.“
Mayrhofer protzte auch damit, dass er als „zu deutsch amtierender Rektor“ der Innsbrucker Universität im Studienjahr 1932/33 unter seiner „Ägide“ eine „große Schlageterfeier“ in der Aula abhalten ließ.
Wilhelm Fischer (1886-1962)
Wilhelm Fischer wurde 1928 in der Nachfolge von Rudolf Ficker als Professor der Musikwissenschaft an die Universität Innsbruck berufen.
Bei Guido Adler hatte sich Wilhelm Fischer 1915 in Wien mit einer Arbeit „zur Entwicklungsgeschichte des Wiener klassischen Stils“ habilitiert.
Wie Adler wurde Fischer 1938 von den NS-Faschisten aus „rassischen Gründen“ verfolgt und ausgeraubt. Das Rektorat der Universität Innsbruck „beurlaubte“ Fischer im April 1938 und untersagte ihm mit Beginn des Sommersemesters 1938 die weitere Lehrtätigkeit. Der Dekan der Philosophischen Fakultät Innsbruck, der Chemieordinarius Ernst Philippi, schrieb im Juni 1938 in amtlicher Eigenschaft verharmlosend: „Professor Fischer wurde als Jude in den Ruhestand versetzt.“
Jüdischen Studenten und Gelehrten wurde in weiterer Folge die Benützung der Studien-, Forschungs- und Bibliothekseinrichtungen verboten.
Am 29. November 1938 wurden die Rektoren der „Hochschulen in der Ostmark“ mit Ministerialschreiben „eingeladen, zur Vermeidung von Unzukömmlichkeiten Juden überhaupt vom Besuche der Hochschulbibliotheken auszuschließen.“ Rektor Harold Steinacker, Professor der Geschichtswissenschaft, notierte darauf hin am 5. Dezember 1938 dienstbeflissen: „Herrn Direktor Flatscher zur Kenntnis mit dem Ersuchen, den Ausschluß aller Juden von Bibl.Besuch anzuordnen.“ Mit Ministerialdekret vom 17. Dezember 1938 wurden jüdische Gelehrte endgültig von der Benützung von Innsbrucker „Hochschulinstituten und Bibliotheken, u.s.w. ausgeschlossen. Wilhelm Fischer wurde daraufhin die Benützungsgenehmigung endgültig entzogen.
Fischer kehrte nach Wien zurück. Zahlreiche Mitglieder seiner Familie wurden ermordet. Seine 85 Jahre alte Mutter wurde aus ihrer Wohnung geworfen, sie verstarb in einem – so Fischer – Leopoldstädter „Notloch“, seine Schwester wurde in Auschwitz umgebracht.
Fischer selbst musste in einer Metallfabrik schwere Zwangsarbeit verrichten, die er mit Mühe überlebte.
Ab 1948 konnte Fischer wieder an der Universität Innsbruck lehren. Er kündigte für das Wintersemester 1948/49 an: „Allgemeine Musikgeschichte“; „Die Mensuralnotation des 15. und 16. Jahrhunderts“; „Übungen zur Musikgeschichte“.
Literatur:
- Kurt Drexel: Musikwissenschaft und NS-Ideologie. Dargestellt am Beispiel der Universität Innsbruck von 1938 bis 1945, Innsbruck 1994.
- Gerhard Oberkofler: Orchideenfächer im Faschismus, in: Jahrbuch 1990. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1990, 45 ff.
- Tom Adler: Lost to the World. Guido Adler. The tragic family saga of on of Gustav Mahler’s best friends, Los Angeles 2002.
Richard Strohal (1888-1976)
Richard Strohal, 1888 in Mährisch-Schönberg als Sohn eines k.k. Offiziers geboren, studierte nach der Matura am Franziskanergymnasium Hall in Tirol ab 1907 an den Universitäten Wien, Göttingen und Innsbruck Philosophie, Mathematik und Physik.
1924 bei Franz Hillebrand und Alfred Kastil mit einer Arbeit über „die Grundbegriffe der reinen Geometrie in ihrem Verhältnis zur Anschauung“ für Philosophie habilitiert, erhielt Strohal 1930 auf Kastils Initiative ein Extraordinariat für Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Pädagogik. Strohal war auch von Alfred Kastils humanistisch politischem Verhalten geprägt: Schon 1920 hatte sich Kastil der antisemitischen Hetze deutschnationaler und katholischer Innsbrucker Studenten gegen Karl Kraus widersetzt. 1933 war Kastil als die absolute Ausnahme unter der Innsbrucker Professorenschaft aus Protest gegen nationalsozialistische Strömungen an Österreichs Universitäten in den vorzeitigen Ruhestand getreten.
Im April 1938 wurde Strohal vom NS-Regime amtsenthoben. Die Gestapo meldete am 15. Juli 1938 für Strohal bedrohlich:
„In der Innsbrucker Theaterangelegenheit gegen den Juden Heller, ehemaliger Direktor des Innsbrucker Stadttheaters, trat er als Freund und Beschützer dieses Juden auf. Als Mitglied des Bauausschusses des Innsbrucker Gemeindetages, bevorzugte er bei Bauausschreibungen, Baumeister, welche streng vaterländisch eingestellt waren und der Heimatwehr angehörten. Weiters war er in verschiedenen Organisationen der Vaterländischen Front tätig, so unter anderem in den O[stmärkische] S[turm] S[charen], Sachwalterschaft der Universität und im Amte für Leibesübungen. Strohal äußerte sich stets in abfälliger Weise gegen die NSDAP, belegte den Führer mit den übelsten Schimpfnamen und betrieb eine Hetz- und Greuelpropaganda gegen Deutschland.“
Strohal wurde nach der Befreiung 1945 reaktiviert, er fungierte für jeweils eine Amtsperiode als Dekan der Philosophischen Fakultät sowie als Rektor.
Mit Strohal wurden in der philosophischen Fachgruppe die Dozenten Hans Windischer (1909-1975, ab 1956 Professor für Geschichte der Philosophie und Systematische Philosophie an der Universität Innsbruck), Simon Moser (1901-1988, ab 1952 Professor für Philosophie an der Technischen Universität Karlsruhe) und Hubert Rohracher (1903-1972, später Ordinarius für Philosophie und Psychologie an der Universität Wien) als „politisch nicht tragbar“ im Verlauf des Sommersemester 1938 entlassen.
Literatur:
- Wolfgang Brezinka, Pädagogik in Österreich II. Die Geschichte des Faches an den Universitäten vom 18. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Pädagogik an den Universitäten Prag, Graz und Innsbruck, Wien 2003.
Karl Brunner und Karl Hammerle
Karl Brunner (1887 – 1965) kam mit seinem Vater Karl Brunner, der 1902 zum Professor der Chemie an der Universität Innsbruck ernannt wurde, nach Tirol. Brunner, ein Neffe des bedeutenden Rechtshistorikers Heinrich Brunner, studierte in Innsbruck, Oxford, Wien und Berlin, an letzterer Station bei dem aus Hötting gebürtigen „ersten Anglisten des Reichs“ Alois Brandl. 1914 habilitiere er sich an der Universität Wien mit einer Arbeit zum „mittelenglischen Versroman über Richard Löwenherz“. 1922 wurde Brunner Professor an der Hochschule für Welthandel in Wien, ehe er 1924 in Innsbruck die Nachfolge des ersten Inhabers der hiesigen Anglistik-Lehrkanzel Rudolf Fischer antrat.
Für das Studienjahr 1937/38 zum Rektor gewählt wurde Brunner am 13. März 1938 von den NS-Faschisten amtsenthoben, entlassen und zum 31. August 1938 mit halbem Gehalt pensioniert. Der Dekan der Philosophischen Fakultät hatte im Juni 1943 über Brunner und seinen Mitarbeiter Karl Hammerle berichtet:
„Schlimm liegen die Dinge bei der Anglistik. Hier ist [es] durch die Tätigkeit Professor Brunners und seines Dozenten Hammerle im Verein mit der Politik Schuschnigg Österreichs soweit gekommen, daß von den zahlreichen Studenten des Faches nur mehr sehr wenige wirklich nationalgesinnte übrig sind. Die Entfernung Brunners und seine Ersetzung durch einen fachlich und weltanschaulich vollwertigen Mann erscheint mir dringend.“
Die Gestapo berichtete am 15. Juli 1938 an Rektor Steinacker über Brunner:
„Über den Führer, die NSDAP und das Deutsche Reich äußerte er sich stets in abfälliger Weise und betrieb eine eifrige Hetz- und Greuelpropaganda gegen das Deutsche Reich.“
1943 wurde Brunner mit der Supplentur der vakanten anglistischen Lehrkanzel betraut, eine neuerliche Lehrkanzelvertretung scheiterte 1944 am Einspruch der „Gauleitung“. Nach der Befreiung wurde Brunner am 4. Mai 1945 zum kommissarischen Rektor ernannt, dann als Rektor der Universität Innsbruck für das Studienjahr 1945/46 gewählt und in seine Professur wieder eingesetzt.
Mit Brunner war 1938 Karl Hammerle (1904 – 1978) die Venia docendi aus englischer Philologie aberkannt worden. Hammerle, der sich als Kenner des „Mittelenglischen“ mit einer Arbeit „Von Ockham zu Milton“ (Innsbruck 1936) habilitiert hatte, wirkte nach 1945 am Bundes-Realgymnasium Innsbruck. Mitte der sechziger Jahre vertrat er anglistische Lehrstühle an den Universitäten München und Würzburg.
Literatur:
- Herbert Koziol, Karl Brunner, in: Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 115 (1965), 259-272 (mit Schriftenverzeichnis).
- Gerhard Oberkofler/Peter Goller, Geschichte der Universität Innsbruck (Rechts- und Sozialwissenschaftliche Reihe 14, hrsg. v. Wilhelm Brauneder), 2. Auflage, Frankfurt 1996, 315-329.
- Gunta Haenicke/Thomas Finkenstaedt, Anglistenlexikon 1825-1990. Biographische und Bibliographische Angaben zu 318 Anglisten, Augsburg 1992, 55 f. (Artikel "Karl Brunner"), 121 (Artikel "Karl Hammerle").
Ernst Theodor Brücke lehrte von 1916 bis zur Entlassung durch das NS-Regime im April 1938 an der Universität Innsbruck. Er war ein Enkel von Ernst Wilhelm Brücke, dem Wiener Mitbegründer der modernen Physiologie.
Die Medizin verdankt Ernst Theodor Brücke, einem Schüler des Leipziger Experimentalpsychologen und Physiologen Ewald Hering, grundlegende Forschungen zur Nervenphysiologie, ein Verfahren der „schwebenden Reizung“, bei dem reflexerregende und reflexhemmende Nerven gleichzeitig aktiviert werden. Seine Beiträge zur physiologischen Optik sowie zur vergleichenden Entwicklungsgeschichte zogen zahlreiche Forscher nach Innsbruck. Die Fakultät notierte 1916 bei Brückes Berufung von Leipzig an die Innsbrucker Universität: „Zusammenfassende Darstellungen lieferte v. Brücke in einer Antrittsvorlesung, in welcher er die Bedeutung Pawlows für die Gehirnphysiologie hervorhebt und zu zeigen versucht, daß sich neuere psychologische Forschungen für die Gehirnphysiologie verwerten lassen.“
Brücke gilt heute als einer der Pioniere der Neurobiologie. Brückes Institut wurde Anlaufstelle der internationalen Forschung. Seinen Innsbrucker Institutskollegen Ludwig Haberlandt (1885-1932) bezeichnete der „Vater der Antibabypille“, Carl Djerassi, als einen Pionier der Hormonforschung. Brückes Assistentin Helene Wastl-Lippay, eine erste österreichische habilitierte Medizinerin, musste 1938 die Universität Wien verlassen und in die USA emigrieren. Die Innsbrucker Universität entzog ihr das medizinische Doktorat.
Brücke - 1926/27 Rektor der Universität Innsbruck - war bereits vor dem „Anschluss“ antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Für ihn erschütternd war, dass zwei seiner habilitierten Assistenten, Friedrich Plattner und Otto Reisch, an der „NS-Wissenschaftspolitik“ und „NS-Medizin“ beteiligt waren. Am 14. April 1938 begründete das Rektorat der Universität Innsbruck Brückes Entlassung mit dem Druck der nazistischen Studentenschaft: Aufgrund seiner Abstammung „konnte [Brücke] den Amtseid nicht leisten“ und war „vom NSStB [Nationalsozialistischer Studentenbund] für untragbar erklärt“ worden.
Schon Ende März 1938 hatte die damalige Universitätsleitung in einem rassistischen Ton ausgeführt: „Professor Dr. Ernst Brücke hat am 28.III. aus dem Grunde um vorläufige Beurlaubung gebeten, weil er noch nicht sicher weiß, ob er den erforderlichen Nachweis seiner arischen Abstammung wird erbringen können.“ Mit Glück konnte Brücke 1939 noch nach Amerika emigrieren, und mit Hilfe eines Stipendiums an der Harvard Medical School forschen. Zwei Wochen vor seinem Tod schrieb er am 31. Mai 1941 aus dem Bostoner Exil: „Leider habe ich über die Verlängerung meines Stipendiums hier noch immer nichts gehört, ich werde schon sehr ungeduldig, und der Gedanke, was ich anfangen soll, wenn ich nicht hier weiterarbeiten kann, beschäftigt mich sehr."
Literatur:
- Ernst August-Seyfarth: Ernst Theodor Brücke (1880-1941): „Was ich anfangen soll, wenn ich nicht hier weiter arbeiten kann, beschäftigt mich sehr.“, in: Neuroforum 1/97, 32f.
Gustav Bayer (1879 – 1938)
Gustav Bayer kam 1904 auf Empfehlung von Sigmund Exner, einem der wissenschaftlichen Exponenten der „Wiener medizinischen Schule“, als Assistent an die Universität Innsbruck.
Gustav Bayer, Habilitand des damaligen Innsbrucker Pathologieordinarius Moritz Loewit, schrieb am 7. November 1909 in seinem Innsbrucker Dozentengesuch: „Der Bewerber, am 10. Juni 1879 zu Wien geboren, erlangte nach Ablegung der Rigorosen mit größtenteils ausgezeichnetem Erfolge am 27. April 1904 den medizinischen Doktorgrad. Während seiner Studienzeit fungierte der Unterzeichnete durch mehrere Jahre als Demonstrator am physiologischen Institute zu Wien und wurde nach der Promotion am 1. Juni 1904 zum Assistenten am genannten Institute ernannt und hatte diese Stellung bis 1. Oktober 1904 inne. Seit dieser Zeit ist derselbe ununterbrochen als Assistent am Institute für allgemeine und experimentelle Pathologie in Innsbruck tätig.“
Als Habilitationsschrift legte Bayer eine Studie „über den Einfluss einiger Drüsen mit innerer Sekretion auf die Autolyse“ vor. International publizierte Forschungen zur Bedeutung der Nebennieren für die Physiologie und Pathologie, Arbeiten zur „Organotherapie“, zur Hormonforschung oder zu stoffwechsel-pathologischen Fragen trugen Bayer 1915 ein Extraordinariat und 1922 das Ordinariat ein. Jahrelang leitete Bayer das Institut für Experimentelle Pathologie an der Universität Innsbruck.
Angesichts der ihn bedrohenden nazistischen Barbarei nahm sich Gustav Bayer, gemeinsam mit seiner 17 Jahre alten Tochter Helga, am 15. März 1938 das Leben. Die Mutter war Jahre zuvor verunglückt.
Unter dem Eindruck des „Anschlusses“ schrieb Bayer in einem Abschiedsbrief: „Mein lieber Freund! An einen gerichtet, für alle gemeint: Lebe wohl u[nd] glücklich, so glücklich wie ich, dank meiner Gemütsart, gelebt. Stirb, wenn es sein soll, so leicht u[nd] freudig wie ich! Und an den Dekan! Viele Grüße meinen alten Fakultätskollegen, sie sollen mir eine gute Erinnerung bewahren. In alter Treue! G. Bayer. 13.III.38.“
Am 3. September 1947 erwähnte der Prodekan der Medizinischen Fakultät in einem Schreiben verschämt Gustav Bayers „in der nationalsozialistischen Bedrängung erfolgten Freitode“.
Bilder und Texte: Universitätsarchiv Innsbruck